Spiele-Entwickler und Dozent Steffen Bogen: „Von guten Spielen kann man einiges lernen“

Das Brettspiel „Camel Up“ wurde 2014 als Spiel des Jahres ausgezeichnet. Der Kritikerpreis gilt als bedeutendste Ehrung für deutschsprachige Brett- und Kartenspiele. Erfinder Dr. Steffen Bogen, Kunsthistoriker und Professor mit Schwerpunkt Lehre an der Universität Konstanz, berichtet von seiner Leidenschaft.

Hatten Sie als Kind ein absolutes Lieblings-Brettspiel?

Wir haben in der Familie recht viel gespielt. Da ich der Jüngste war, habe ich auch schon ziemlich früh Brettspiele nach Regeln gespielt: Klassiker wie Memory, aber auch Kartenspiele wie „Elfer raus“ und ein tolles Angelspiel. Eine Zeit lang war Scotland Yard mein absolutes Lieblingsspiel. Außerdem durfte ich recht früh Schach gegen meinen großen Bruder verlieren. So habe ich immer schon gern die Regeln der Spiele ein wenig verändert, um auch mal zu gewinnen.

Glauben Sie, das Brettspiel hat durch das Internet, Smartphones und Spielekonsolen an Bedeutung verloren?

Man kann es auch anders sehen: Das Spielen hat insgesamt an Bedeutung gewonnen. Heute wird vieles spielerischer angegangen. Spiel und Alltag durchdringen sich. Das hat positive und negative Seite. Spielen macht Spaß, gespielt werden meistens nicht! Das Brettspiel ist und bleibt eine schöne, klassische „Auszeit“. Man sitzt zusammen am Tisch und macht mit kleinen Materialien nutzlose Sachen. Sie hinterlassen keine Datenspuren und niemand außer ihren Mitspielern kann ihr Profil taxieren. Das ist wunderbar! Alex Randolph, ein großer Spieleerfinder, hat einmal gesagt: Solange es Tische gibt, wird es Brettspiele geben. Und er hat absolut Recht!

Was macht für Sie die Faszination von Brettspielen aus? Worauf legen Sie bei einem Spiel besonders großen Wert?

Eben der soziale Charakter: Eine kleine Gruppe sitzt zusammen am Tisch, hat Spaß miteinander, kann aber auch ein wenig gemein zueinander sein. Für die Qualität des Spiels gibt es ein entscheidendes Kriterium: der Reiz, dass alle das Spiel gemeinsam noch einmal spielen wollen, auch die Verlierer! Er sollte am Ende der Partie da sein, aber auch nach Monaten, wenn man das Spiel schon häufiger gespielt hat. Wenn das dann auch noch in unterschiedlich zusammengesetzten Spielgruppen funktioniert, ist es perfekt.

„Das Wetten auf die Zukunft gehört zum Spiel“

Von der ersten Idee bis zum fertigen Spiel: Wie viel Zeit hat „Camel Up“ insgesamt in Anspruch genommen?

Das war außergewöhnlich lang. Einige Verlage waren nicht ganz sicher, ob sie das Spiel in ihr Programm aufnehmen wollten. Sie haben lange geprüft und sich dann dagegen entschieden. In dieser Zeit hat sich das Spiel aber weiterentwickelt. Von der ersten Idee bis zum „Spiel des Jahres“ hat es dann fast zehn Jahre gedauert.

Apropos Idee: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, in dem Sie die zündende Idee hatten? Was genau hat Sie zu „Camel Up“ inspiriert?

Es war die Idee des besonderen Würfelbechers: Er sollte die fünf Würfel nicht alle auf einmal „ausspucken“, sondern einen nach dem anderen in einer zufälligen Reihenfolge. Daraus ist dann im fertigen Spiel die tolle Würfelpyramide geworden. Ich habe eine solche „Würfelmaschine“ dann erstmal aus Holz gebastelt und erst danach passende Regeln gesucht.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Auszeichnung Spiel des Jahres?

Sehr viel! Es ist große Anerkennung und die Gewissheit, dass das Spiel sehr vielen und unterschiedlichen Menschen sehr oft Freude und Spaß bereiten wird. Wunderbar ist auch, dass das dem Verlag die Tore öffnet, das Spiel weltweit zu vertreiben. Ich hatte im Übrigen das Glück, die Auszeichnung schon zweimal zu gewinnen: „Schnappt Hubi!“ wurde 2012 Kinderspiel des Jahres!

In einer Amazon-Rezension kritisiert ein Käufer: „Wir waren uns jedoch einig […], dass man Achtjährige noch nicht an das Wetten heranführen sollte. Als Spiel für Erwachsene hätte es vier Sterne gegeben.“ Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Das Wett-Thema war tatsächlich auch ein Grund, warum manche Verlage am Anfang zögerlich waren. Aber das Wetten auf die Zukunft gehört zum Spiel: Wer wird gewinnen? Wenn ich diese Neugier nicht hätte, würde ich erst gar nicht anfangen. Solange das Wetten spielerisch bleibt, kann ich da nichts Verwerfliches erkennen. Blöd fände ich nur, wenn die Regeln so wären, dass die, die einmal gewonnen haben, immer weiter gewinnen, und die, die einmal verloren haben, immer weiter verlieren. Bei Spielen finden wir das alle reizlos, in unserer Welt- und Wirtschaftsordnung jedoch leider nicht! Auch da kann man von guten Spielen noch einiges lernen.

„Nicht vom Erfolg, sondern von guten Spielen träumen!“

Dass es mit dem „Camel Up Supercup“ und „Camel Up Cards“ zwei Erweiterungen des Spiels gibt – ging die Initiative von Ihnen oder vom Verlag aus?

Supercup ist eine Erweiterung, Camel Up Card ein eigenständiges Kartenspiel. Der Anstoß kam vom Verlag, die Entwicklung hat mir aber sehr viel Spaß gemacht. Wir nehmen Spiele und ihre Regeln heute generell als etwas wahr, was nicht bis in alle Ewigkeiten festliegt. Spiele entwickeln sich. Da finde ich es durchaus passend, wenn von bekannten und erfolgreichen Spielen Varianten und Erweiterungen auf den Markt kommen.

Sie sind hauptberuflich Dozent an der Universität Konstanz. Viel Zeit für Kreativität bleibt da vermutlich nicht. Arbeitet Sie derzeit an einem neuen Brettspiel?

Ich empfinde Lehre und Forschung durchaus auch als kreative Tätigkeiten. Das Erkennen von Regeln und das Erfinden von Regeln ergänzen sich prima. So muss bei mir immer auch eine Spielidee am Köcheln sein. Ich habe aber wegen der Spiele eine halbe Professur mit Schwerpunkt Lehre an der Uni.

Vergangenes Wintersemester haben Sie und eine Kollegin das Seminar Spiele in Bild und Film geleitet. In der Beschreibung heißt es: „Es soll die visuelle Darstellung von Spielsituationen in unbewegten und bewegten Bildern als Medium untersucht werden, in dem grundlegende Eigenschaften des Spielens als Prozess der Ab- und Ankopplung beobachtet werden können. Außerdem soll nach der Möglichkeit gefragt werden, unterschiedliche Formen des Bildfeldes und der Kadrierung über das Thema des Spielfeldes zu reflektieren.“ Können Sie für Laien verständlich erklären, worum genau es Ihnen ging?

Ich versuche es mal: Das Spielbrett ist ein Feld und die Tafel, die ein Maler bemalt, auch, ebenso die Kinoleinwand, auf die ein Film projiziert wird. Wenn in der Malerei oder im Film Brettspiele gezeigt werden, wie verhalten sich dann Spielfeld und Bildfeld zueinander? Wie verhält sich die Situation der Figuren auf dem Brett zur gemalten oder gefilmten Situation der Spieler am Tisch? Das ist mit An- und Abkopplung gemeint. Es war im übrigen ein sehr schönes Seminar, bei dem ich viel gelernt habe! Lehre an der Uni bedeutet, dass sie im Seminar gemeinsam über Dinge nachdenken, die sie am Ende besser verstehen als am Anfang.

Welchen Rat möchten Sie Nachwuchs-Spieleentwicklern mit auf den Weg geben?

Nicht vom Erfolg, sondern von guten Spielen träumen!

Veröffentlicht am 1. September 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.