Unterwegs mit Viva con Agua

Alle für Wasser – Wasser für Alle!

Mit bunt bemalten Tonnen und Fahnen, Spendendosen, großem Banner, Broschüren und Buttons im Gepäck sammelt die Crew von Viva con Agua Stuttgart Spenden für weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser. 

Bis zum Auftritt der Beginner dauert es noch mehr als zwei Stunden, doch die Vorbereitungen in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle laufen schon auf Hochtouren: Getränketheken werden bestückt, Stände für Fanartikel aufgebaut und das Sicherheitspersonal eingewiesen. Als die achtköpfige Crew von Viva con Agua Stuttgart auftaucht, heißt es erstmal: orientieren und Auschecken, was zu tun ist. Die größte Herausforderung dabei ist, mit den Veranstaltern zu kommunizieren – aber mit etwas Geduld und netten Worten lässt sich fast alles regeln. Angesichts der Hallengröße wirkt der ausgewiesene Stand für die Stuttgarter »Tropfen« ein bisschen verloren; die Werbung für eine Regionalbank direkt darüber kann man mit zwinkerndem Auge aber als gutes Vorzeichen für die Spendenausbeute betrachten. Flexibilität schreibt man bei Viva con Agua eben groß, und bis zum Konzertbeginn bleibt noch genug Zeit für ein Bierchen.

Der gemeinnützige Verein mit Sitz in Hamburg ist ein Netzwerk von Menschen und Organisationen, das sich für einen menschenwürdigen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen einsetzt. Die Idee zu seiner Gründung kam dem ehemaligen Fußballprofi Benjamin Adrion nach einem Trainingslager auf Kuba – er wollte zunächst die schlechte Trinkwasserversorgung auf der Karibikinsel verbessern. Gut ein Jahr später, am 28. September 2006, wird Viva con Agua de St. Pauli e. V. offiziell ins Leben gerufen. Ein Journalist der ZEIT nennt Adrion die »Ikone eines szenigen Helfernetzwerks, dessen Marketing bis heute aus Musik, Spaß und Festivals besteht.« Im Gegensatz zu den meisten Entwicklungsorganisationen setze man nicht auf Mitleid oder eine elitäre Inszenierung, sondern auf möglichst unkomplizierte Wege der Unterstützung: Viva con Agua organisiert sportliche oder künstlerische Events mit möglichst hohem Spaßfaktor und sammelt dort nicht nur Spenden, sondern macht leichtfüßig auf die globale Trinkwassersituation aufmerksam.

Unverbindlich kreativ

Das Durchschnittsalter der Freiwilligen ist mit 25 Jahren dementsprechend niedrig. Abgesehen von der Hamburger Zentrale organisiert sich jede der über 50 deutschen Crews komplett auf ehrenamtlicher Basis – so auch in Stuttgart. Neben gewählten Ansprechpartnern in den Bereichen Netzwerk, Bildung, Finanzen und Aktionen engagieren sich dort rund 30 bis 40 junge Menschen. So genau lässt sich das nicht sagen, denn es herrscht ein dynamisches Kommen und Gehen. Formulare und Mitgliedsbeiträge? Nicht bei Viva con Agua. Um Pfandbecher auf Konzerten zu sammeln, genügt die simple Registrierung auf der Supporter-Plattform POOL. Möchte man in Vereinsangelegenheiten mitmischen, kommt man zum monatlichen DROP und wer seine lokale Crew noch unverbindlicher unterstützen will, besucht vielleicht einen Spendenlauf oder Bingo-Abend, ein Marathonschwimmen oder Running Dinner – der Kreativität sind praktisch keine Grenzen gesetzt.

 In der stetig voller werdenden Schleyer-Halle heißt es knapp eine Stunde vor dem Auftritt: Tonnen schnappen und im Gebäude verteilen. Zwei Helfer bleiben am Stand und sehen zu, wie ein leer getrunkener Becher nach dem anderen im verbleibenden Behälter landet. Aktives Ansprechen ist gar nicht nötig und für den einen oder anderen Blick auf die Bühne bleibt immer Zeit. Persönliche Vorlieben spielen bei der Auswahl der Konzerte schließlich auch eine Rolle. Hat sich ein Ansprechpartner gefunden, bittet man Booking-Agentur und Veranstalter um deren Zustimmung. Es kommt auch vor, dass Künstler oder Verantwortliche Viva con Agua einladen – allerdings sind Aktionen der gemeinnützigen Organisation mancherorts nur bedingt möglich: weil Getränke in Glasbehältern verkauft werden, die Tonnen Rettungswege versperren oder Fahnen nicht brandschutzsicher sind. Guter Wille schützt nun mal nicht vor hohen Auflagen.

Sortieren, zählen und stapeln für den guten Zweck

Für drei bis fünf Konzerte pro Monat kann man sich im POOL bewerben, in den Sommermonaten sind alle Crews primär auf jeder Menge Festivals unterwegs. Die Anreise erfolgt dann zwar auf eigene Kosten, aber Erzählungen und Fotos zufolge kommt der Spaß an diesen Wochenenden erst recht nicht zu kurz. Spaß haben auch die Beginner-Fans in der Schleyer-Halle: Die gut zweistündige Show lässt das Herz jedes Hip-Hop-Fans höher schlagen und als dann auch noch Samy Deluxe und Advanced Chemistry neben den Hamburger Veteranen auf der Bühne stehen, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Und obwohl sich während des Auftritts kaum noch Besucher im Bereich der Spendentonnen tummeln, ist schon bald das erste Zählen angesagt – denn nach dem Konzert, wenn die gestapelten Becher der Gastronomie übergeben werden, muss es schnell gehen. Sämtliche Spenden werden dann an die Zentrale weitergeleitet und von dort aus weltweit in Wasserprojekte investiert.

»Cool, dass ihr das macht!«, findet einer der wenigen Besucher, der sich nach der Arbeit von Viva con Agua erkundigt. Als der Auftritt nach zahlreichen Zugaben sein Ende findet, bleibt für detaillierte Auskünfte ohnehin keine Zeit; ganze Bechertürme landen in den schon gut gefüllten Tonnen. Kein Wunder, denn vor den Getränketheken haben sich inzwischen meterlange Schlangen gebildet. Die Tropfen kommen mit dem Stapeln und Sortieren kaum noch hinterher – Becher verschiedener Größe, Plastikflaschen aller Art und Müll, der den Weg in die richtigen Behälter nicht gefunden hat. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 66 Euro Bargeld, zwei prall gefüllte Säcke voller Plastikflaschen und stolze 1.029 Euro Becherpfand wurden gespendet. So viel, wie auf den übrigen fünf Konzerten im November zusammen. Oder um es mit den (leicht abgewandelten) Worten der Beginner zu sagen: Der Rubel rollt, wenn das Rudel tollt!

Veröffentlicht am 1. März 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.