Über Freundschaft

Es gibt viele Berichte, Studien und Kommentare darüber, wie Facebook und andere soziale Medien den Status der “Freundschaft” entwerten. Aber was bedeutet das eigentlich? Wikipedia sagt: “Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet.” Nach einer ausgiebigen Selbstanalyse bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich verdammt froh darüber sein kann, meine Freunde, also die richtigen, schon in der Grundschule oder der Mittelstufe kennengelernt zu haben. Also in einer Zeit, in der man sich noch nicht den Kopf darüber zerbrochen hat, wie man auf andere wirkt und was man tun oder sagen muss, um so cool und sympathisch wie möglich rüberzukommen.

Ein echter Freund ist jemand, mit dem ich zwar alles teilen, aber auch zufrieden schweigen kann. Jemand, mit dem ich lautstark streiten, aber nicht ohne anschließende Versöhnung leben kann. Bei dem ich mich nicht verstellen muss, sondern hin und wieder das größte Arschloch sein kann, ohne fürchten zu müssen, dass die Freundschaft deswegen zerbricht. All das beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Dieser Definition nach kann ich meine Freunde an einer Hand abzählen. Wirklich traurig finde ich das aber nicht. Schließlich sind da noch eine ganze Reihe Menschen, die ich sehr mag und mit denen ich mich gerne treffe, unterhalte oder feiern gehe. Der Einfachheit halber nennt man diese Personen dann eben auch Freunde, auch wenn sie in Wahrheit nur Kumpels, gute Bekannte oder nette Partygesellschaft sind.

Bin ich einfach schlecht darin, neue Freunde zu finden? Wahrscheinlich schon. Nicht nur, dass ich mich von Zeit zu Zeit von Oberflächlichkeiten wie  Musikgeschmack oder äußerem Erscheinungsbild beeinflussen lasse; Kennenlerngespräche finde ich meistens anstrengend. Man weiß nicht, worüber man reden soll und handelt deshalb Oberflächlichkeiten ab. Man stimmt dem anderen zu, obwohl man eigentlich ganz anderer Meinung ist. Und dann ist da noch diese peinliche Stille wie bei einem schlechten Date – ich kenne das aus Filmen. Statt mich also wie alle anderen schüchternen Erstsemester wahllos einer Kleingruppe zuzuordnen, nur damit man jemanden hat, neben dem man in der Vorlesung sitzen und sich über Erstsemester-Probleme austauschen kann, bleibe ich lieber in meiner Komfort-Zone.

Diese Mischung aus Unwillen, Trotz und auch ein klein wenig Angst macht zwar selten wirklich glücklich, umschifft den Eisberg des unangenehmen Kennenlernens aber weiträumig. Das Problem daran: Wer sich dem verweigert, entgeht so der Chance, dass aus peinlichen Beschnupper-Pannen und Gesprächen über Nichts und die Welt eine echte Freundschaft entsteht. Manchmal sollte man sein Unbehagen überwinden, damit man die magische Grenze von der Zweckgemeinschaft zur Freundschaft übertreten kann. Aber wirklich nur manchmal. Wer Abercrombie & Fitch trägt und Mark Forster hört, mit dem will ich gar nicht befreundet sein.