Treffen deutschsprachiger Straßenzeitungen

Anfang April kamen Herausgeber deutschsprachiger Straßenzeitungen in Nürnberg zusammen. Das jährliche Treffen bietet eine gute Gelegenheit, sich näher kennenzulernen, auszutauschen und gemeinsam zu arbeiten.

Viel gemeinsam und doch einzigartig

Von Kiel nach Bern, von Aachen nach Dresden – das Verbreitungsgebiet deutschsprachiger Straßenzeitungen ist riesig. Seit 2015 treffen sich deren Herausgeber jährlich in der Frankenmetropole, um neue Projekte und Konzepte vorzustellen, Probleme zu thematisieren, Visionen zu teilen und nicht zuletzt zu erfahren, „was die Anderen so machen“. Deutschlandweit werden mehr als 30 verschiedene Straßenzeitungen verkauft. In Österreich sind es knapp zehn, während das Schweizer Magazin Surprise beinahe eine Monopolstellung innehat.

Beim Zusammentreffen in Nürnberg wird sofort deutlich: Jede Straßenzeitung ist anders. Das gilt nicht nur für die monatliche Auflage, die von 1.000 bis 70.000 Exemplaren reicht, sondern auch für die Anzahl der Mitarbeiter, Anstellungs- und Bezahlmodelle, zusätzliche Angebote wie Stadtführungen und Straßenunis sowie die grundsätzliche Betriebsstruktur. Während etwa der Jerusalëmmer zu einem christlich geprägten Café in Neumünster gehört, ist die Leipziger Kippe an ein gemeinnütziges Suchtzentrum gekoppelt.

Gemeinsame Leitlinien, gemeinsame Probleme

Eines haben alle Anwesenden gemeinsam: Sie gehören zum International Network of Street Papers, kurz INSP. Innerhalb des 1994 gegründeten Netzwerkes erfolgt ein Austausch von Erfahrungen und Ideen, aber auch journalistischen Beiträgen und Bildern. Das INSP veranstaltet jährlich Konferenzen – kommenden August in Manchester – und betreibt einen eigenen Nachrichtendienst. Vergangenes Jahr gehörten ihm 112 Verleger aus 35 Ländern an, die Zeitungen in 24 Sprachen mit einer Gesamtauflage von 5,6 Millionen Exemplaren herausgaben.

Zu gemeinsamen Leitlinien wie der Hilfe zur Selbsthilfe, Lobbyarbeit für sozial Benachteiligte oder Verwendung finanzieller Mittel gesellen sich zuweilen gemeinsame Probleme: Immer wieder tauchen windige Straßenzeitungen im Stadtbild auf, die aus unerlaubt kopierten Artikeln bestehen, häufig kein Impressum beinhalten und dem Image seriöser Zeitungen nachhaltig schaden. Der ausgelassenen Stimmung und Produktivität beim Treffen in Nürnberg tut das freilich keinen Abbruch.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Auf kurze Vorträge einzelner Herausgeber folgt der Austausch in Kleingruppen, der interessante Einblicke in die Arbeit der Kollegen gewährt und spannende Fragen behandelt: Was sollte man bei einer Überarbeitung der Vereinsstrategie beachten? Wie akquiriert man neue Verkäufer? Machen gemeinsame Sonderveröffentlichungen und Interviews Sinn? Welche Online-Tools erleichtern die redaktionelle Arbeit? Mit welchen Maßnahmen gewinnt man junge Leser?

Das Vergnügen kommt an diesem Wochenende aber keineswegs zu kurz. Neben dem Besuch einer urigen Gaststätte, die längst nicht nur die berühmten Bratwürste serviert, steht eine Stadtführung der besonderen Art auf dem Programm: Bei strahlendem Sonnenschein macht Graffity-Künstler Carlos Lorente die Teilnehmer mit den bunten Wandbildern vertraut. Juristisch und ästhetisch umstritten, stößt das Erzählte auf großes Interesse – und wie jede Straßenzeitung arbeitet auch jeder Künstler auf seine ganz eigene Art und Weise.

Veröffentlicht am 01. Juni 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.