Toni Morrison

Vielschichtige Handlung mit kleinen Schwächen

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind, Rowohlt, Reinbek 2017, 208 Seiten, 19,95 €

»Für ihre literarische Darstellung einer wichtigen Seite der US- amerikanischen Gesellschaft durch visionäre Kraft und poetische Prägnanz« wurde Toni Morrison 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Energisch und eindrucksvoll widmet sich die 1931 in Ohio geborene Schriftstellerin seit Jahrzehnten den Rassenkon- flikten in den Vereinigten Staaten. Ihr jüngster Roman Gott, hilf dem Kind vermittelt anhand der Geschichte von Lula Ann, dass die Farbe der Haut auch innerhalb der afroamerikanischen Bevölkerung eine wichtige Rolle spielt. »Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte.« – so beschreibt Mutter Sweetness ihre neugeborene Tochter. Nachdem Lula Anns Vater verschwunden ist, erzieht Sweetness sie zu unterwürfigem Gehorsam; sie möchte nicht als Mom oder Mutter angesprochen werden und vermeidet gar die Berührung mit ihrem eigen Fleisch und Blut. Die schwierige Mutter-Kind-Beziehung hinter- lässt bei beiden Frauen tiefe Spuren.

Jedes Kapitel des Buches wird aus der Perspektive eines anderen Charakters erzählt und vermittelt dem Lesenden unterschiedliche Sichtweisen auf die vielschichtige Handlung. Diese beginnt mit Lula Anns Leben als erwachsene Frau, die sich mittlerweile Bride nennt und die Schatten der Vergangenheit erfolgreich hinter sich gelassen hat – zumindest scheinbar. Beim Lesen beschleicht einen zuweilen das Gefühl, dass Morrison mit Gott, hilf dem Kind zu viel wollte: Auf nur 208 Seiten versucht sie, Aspekte von Rassismus, Kindesmissbrauch, Konsumkritik und Feminismus unter einen Hut zu bekommen. Vor diesem Hintergrund fallen die zuweilen klischeehaft konstruierten Charaktere und Dialoge eher negativ ins Gewicht. Dennoch gelingt der 66-jährigen Schriftstellerin ein einfach zu lesender Roman, der dank unvorhergesehener Wendungen und peu à peu aufgedeckter Geheimnisse für Spannung sorgt. Als literarische Krönung einer langen und nahezu beispiellosen Karriere taugt er allerdings kaum.

Veröffentlicht am 1. August 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.