Musiker Clueso: „Beim Breakdance bin ich ein Stümper“

Clueso: »Beim Breakdance bin ich ein Stümper«

Am 19. September erscheint Stadtrandlichter, das sechste Studioalbum von Thomas Hübner, besser bekannt als Clueso. Mit der Gründung seines eigenen Labels geht der Erfurter einen weiteren Schritt Richtung Selbstständigkeit. Doch der Schritt ist gleichzeitig eine Rückbesinnung: Auf das, was Musik für ihn ausmacht. Text und Ton heißt das im Erfurter Zughafen ansässige Label, genau wie Cluesos erstes Album aus dem Jahr 2001. Stadtrandlichter entstand komplett in Eigenregie, ist aber dennoch ein Gemeinschaftsprojekt, verrät er uns im Interview.

Montagmorgen und eine ganze Promowoche steht bevor: Lässt man am Wochenende vorher noch mal die Sau raus, um das alles zu überstehen?

Nee, im Moment nicht. Ich hab‘ ja das Ablum fertig, und da will man eigentlich auch mal auf die Kacke hauen. Gerade muss ich das aber noch unterdrücken.

Du hast dich nach über zehn Jahren von Four Music getrennt und dein eigenes Label Text und Ton gegründet. Warum dieser Schritt?

Im Prinzip ist das auf dem Mist meines Managers und Mentors gewachsen. Es war eine logische Konsequenz: Wir haben uns über Jahre immer dafür eingesetzt, dass wir irgendwann die volle Entscheidungsfreiheit haben. Obwohl wir die ganze Zeit schon viel selbst gemacht haben. Auf der Schwelle zu dieser Möglichkeit haben wir aber eine Weile gebraucht. Wir sind Typen, die sowieso immer drei Mal über alles nachdenken, und ich denke dann noch acht Mal über alles nach (lacht).

Beim Label sind also hauptsächlich Leute aus deinem persönlichen Umfeld am Start?

Genau, es sind Leute von meinem alten Label dabei, die freie Mitarbeiter sind. Zusätzlich haben wir noch ein paar erfahrene Leute dazugeholt, die uns helfen. Das findet alles im Zughafen in Erfurt statt. Ich lass‘ die Jungs ja gerne machen und bin normalerweise nur dort, wenn es um finale Entscheidungen geht. Da diskutieren wir, wie gesagt, meistens ziemlich lange. Insgesamt bin ich sehr zufrieden, und es gibt keine Bösen mehr. Okay, nennen wir sie lieber ‚Die Anderen‘ (lacht). Ich hatte eine sehr schöne Zeit bei Four Music. Mit einem eigenen Label lernt man viel über Kommunikationswege und muss alles konzentrierter gestalten, weil der Druck höher ist.

Du hast zum ersten Mal komplett selbst produziert: Wird man da perfektionistischer oder pingeliger?

Das müsstest du jemand Anderen fragen (lacht). Es ist zwar in Eigenregie entstanden, aber trotzdem ein Gemeinschaftsding. Es gab viele Songideen von meiner Band, meiner ganzen WG [Clueso lebt in einer Künstler-WG in Erfurt, Anm. d. Red.]. Ich bin nur sehr pingelig in der Art, wie ich Songs wahrnehme und was den Klang betrifft. Von der Skizze zum fertigen Song muss man die Uhr manchmal zurückdrehen, um wieder näher an der Ursprungsidee zu sein. Das Album gefällt mir so gut, weil ich glaube, dass ich es lange verteidigen kann. Beim Vorgänger „An Und Für Sich“ höre ich ein bisschen die Produktion raus, bei „Stadtrandlichter“ eher Livemomente.

Vor „Stadtrandlichter“ sind zwei komplette Alben entstanden, die aber in die Schublade gewandert sind. Was ist uns da entgangen?

(lacht) Gute Frage. Das eine Album habe ich auf Reisen gemacht. Ich habe es beiseite gelegt, weil die Songs von „Stadtrandlichter“ stärker waren und raus wollten. Ich konnte mir auch noch nicht die Frage beantworten, ob ich sie so skizziert lasse oder noch weiter daran herumbastele. Dann gibt es noch ein Album, das ich für meinen Großvater aufgenommen habe. Darauf sind Songs, die er früher in Kneipen gespielt hat. Mein Großvater ist 84 Jahre alt und ein richtig cooler Dude. Der hat eine Stimme wie Johnny Cash und mir sehr dabei geholfen, wieder zur Musik zu finden und mich auf Sachen zu besinnen, die ich eigentlich schon wusste. Die Musik kommt dann einfach so aus einem heraus und klingt eben auch so. Wenn man sich nicht einfach überlegt, was die Gesellschaft gerade braucht, sondern auf den richtigen Moment wartet, dann muss man Geduld haben.

Wo warst du unterwegs?

Ich war auf diversen Inseln. Aber ich meinte eher das Reisen hier in Deutschland. Als Musiker ist man ja ständig unterwegs, zwischen Tür und Angel, man fährt von A nach B und pennt in irgendwelchen Hotels. Ich war ja auch auf einer kompletten Tour mit Udo Lindenberg. Manchmal habe ich dann mein Aufnahmegerät raus genommen. Die Songs drehen sich also hauptsächlich um das Reisen als Musiker.

Udo Lindenberg ist auf „Standrandlichter“ wieder vertreten. Gibt es noch andere Wunsch-Kollaborationen?

Das mit Udo war kein Wunsch im klassischen Sinne. Da ist quasi ein Wunsch in Erfüllung gegangen, den ich eigentlich nicht hatte (lacht). Aber ich habe schon als Kind seine Musik gehört und irgendwann kam die Anfrage. Grundsätzlich denke ich über Features, dass sie genau so laufen müssen. Oder man kennt sich schon lange. Mit Max Herre bin ich auch befreundet, wir tauschen uns aus, und er hat mir bei meinem Album ein paar Tipps gegeben. Da wundert es mich eher, dass wir so wenige Features haben, weil es einen krassen Austausch gab. Aber da wird es irgendwann noch etwas geben. Ich habe jetzt keine Wunschliste von Features, aber ich mag Damon Albarn, den Sänger von Blur. Der ist ein interessanter Künstler. Ich glaube allerdings nicht, dass es passiert (lacht).

Im Pressetext steht, „Stadtrandlichter“ sei ein Bauchalbum ohne festes Konzept. Konzeptlosigkeit wird von Kritikern oft negativ bewertet. Empfindest du das nicht als Nachteil?

Wie findest du es denn?

(Aus dem Konzept gebracht) Mhmmm … also ich finde, je öfter man es hört, desto besser wirds. Am Anfang klingt es erst mal einfach nur anders als die alten Sachen. Aber es kommt irgendwie trotzdem wieder zu dir zurück. Vielleicht ist das ja das Konzept …

Das find‘ ich sehr schön, geht runter wie Öl. Es war auch das Ziel, sich auf Sachen zu besinnen, die den Unterschied machen. Im Prinzip komme ich ursprünglich aus dem Hip Hop, und die ersten Sachen haben so eine Urbanität, einen Groove-Charakter und eine Verspieltheit. An manchen Stellen auch Naivität. Jetzt habe ich eine Band mit großartigen Musikern, und wir wollten diese Größe richtig zum Klingen bringen. Und wir wollten nicht einfach die erstbeste Idee nehmen, bei der man denkt: ‚Ich hab‘ hier so ein Riff, das klingt doch total nach Clueso‘ (lacht). Sondern eben genau das andere.

Auf dem Album sind auch zwei Remixe. Experimentierst du seit der Gründung von Text und Ton verstärkt?

Ich genieße schon die Freiheit, aber Four Music hat so etwas auch nie unterbunden. Der Unterschied liegt eher in der Technik. Damals war ich ziemlich festgebunden ans Studio und heute bekomme ich alles in meinen Laptop. Und der rennt wie Sau, ich hab‘ so ein Rennpferd von Laptop und kann unterwegs einfach Beats bauen! Gestern im Hotel habe ich aus Spaß einen Remix von „Freidrehen“ gebaut. Das ist so eine andere Seite an mir, die ich gerade entdecke.

„Stadtrandlichter“ hast du als Erstes geschrieben, das war so eine Art musikalischer Befreiungsschlag. Trotzdem wurde „Freidrehen“ als erstes ausgekoppelt. Nach welchen Kriterien entscheidet man so was?

Das ist eine sehr gute Frage und eine typische Clueso-Sache, glaube ich. Die Nummern, die mir am besten gefallen, sind selten die Singles. Das sind dann meistens die aktuellsten Songs, die auch radiotauglich sind. „Freidrehen“ ist einfach eine Partynummer, die nach vorne geht und neugierig machen soll. Ich hatte einfach keinen Bock, mit einer Ballade ins Radio zu kommen, weil die Leute mich als diesen Songwritertyp wahrnehmen. Es liegt mir einfach mehr, mich nicht in diese Armee aus Songwritern einzuordnen, die schon zu Hauf rumheulen (lacht).

Auf Tour funktioniert so ein Partysong auch immer. Im Ausland spielst du in kleineren Clubs und danach eine Hallentournee in Deutschland. Was macht dich nervöser?

Ich bin eigentlich immer aufgeregt. Komischerweise nicht an dem Tag selbst, aber zehn Minuten vor der Auftritt kannst du mich wegwerfen. Oder irgendwo hinhängen. Club und Halle haben beide ihre Vorteile. In einer Halle ist es der Wahnsinn, was vom Publikum zurückkommt. Wenn du es schaffst, die Leute abzuholen und von sich selbst zu befreien, ist das eine unfassbare Energie. Im Club ists immer so ‚Aufs Maul‘. Es tropft von der Decke und hat diesen Alles-Egal-Charakter. Schwitzen, Bier verschütten, alles egal. Das mag ich sehr an Clubs, aber ich möchte die Hallen nicht missen.

Du hast mal gesagt, dass man die Leute manchmal zum Zuhören zwingen muss, durch lange Instrumentals oder weniger bekannte Songs. Wie sieht die Trackliste der Tour aus?

Bei den Radiokonzerten habe ich es so gemacht, dass ich zur Hälfte alte Songs gespielt habe und zur Hälfte neue. Auf der Tour wird das wahrscheinlich ähnlich. Es macht manchmal einfach Spaß, ganz alte Sachen aus der Kiste rauszukramen und quasi abzustauben. Da ist einfach die Spielfreude gefragt, deswegen wird es eine bunte Mischung.

Bei Auftritten legst du gerne mal einen Freestyle hin. Wie wärs mit einer kleinen Breakdance-Einlage um der guten alten Zeit willen?

Das wird mir verboten. Das habe ich ein paar Mal gemacht, aber die wollen nicht, dass ich mir den Rücken verknackse und wohlmöglich die Tour nicht spielen kann (lacht). Außerdem bin ich ja eher so ein Stümper und kein richtiger Breaker.

Du hattest einen Auftritt auf dem Birlikte-Festival für Toleranz und Zusammenhalt. Ist das ein persönliches Anliegen oder siehst du dich als öffentliche Person in der Verantwortung?

Ich habe mal ein schönes Interview von Bono gelesen, der gesagt hat, „Fame ist Werbung, die man einsetzen kann“. Man darf nur nicht jeden Blödsinn mitmachen. Birlikte ist absolut kein Blödsinn, deshalb war es irgendwie logisch, da aufzutauchen. Aber ich war ja nur einer von vielen. Da war ich auch ziemlich kaputt, weil ich am Abend vorher unterwegs war. Außerdem war es wahnsinnig warm. Aber ich war trotzdem da!

Immerhin! Im Musikbusiness bist du ja schon so etwas wie ein alter Hase. Verfolgst du, was so abgeht?

Da hätte ich tatsächlich ein wenig Nachholbedarf. Wer jetzt gerade was im ‚Business‘ (extra-übertriebene Aussprache) macht, weiß ich nicht. Interessiert mich auch nicht besonders, und wenn doch, dann forsche ich ein wenig nach. Die letzten drei Monate war ich aber wirklich nur mit dem Album beschäftigt und kann nur schwer mitreden. Generell interessiere ich mich für Verschiedenes. Spontan fällt mir Flume ein, aber auch diverse Hip Hop- und Electro-Dinger.

Wie siehts mit Deutschrap aus?

(überlegt) Käptn Peng finde ich lustig. Das ist zwar streng genommen kein Hip Hop, aber die Art und Weise, wie die auftreten, finde ich gut. Von intelligent bis prollig kann ich aber alles hören. Bei Hip Hop finde ich immer die Energie wichtig: Wenn das authentisch und energiegeladen ist, habe ich Spaß dran.

Das sind doch nette Schlussworte. Oder möchtest du noch irgend etwas loswerden?

Ich bin super gespannt, was die Leute zum Album sagen. Ich mag es sehr, und bin immer extrem kritisch.

Veröffentlicht am 18. September 2014 auf laut.de.