Die Bagage

Kunstvoll komponierte Herkunftsgeschichte

Monika Helfer: Die Bagage, Carl Hanser Verlag, München 2020, 160 Seiten, 19,00 €

Die Kinderspiele, ein Ölgemälde des niederländischen Künstlers Pieter Bruegel dem Älteren, zeigt eine Schar spielender Kinder, die emotionale Bandbreite reicht von still und in sich gekehrt bis ruhelos und aggressiv. Als Monika Helfer das Bild im Kunsthistorischen Museum Wien betrachtet, muss sie lachen: „… da standen sie alle, die ganze Bagage, sie tollten über das Bild hinweg, lachten und greinten und johlten sich zu oder tuschelten …“. Die „Bagage“, das ist Monika Helfers Familie. Im gleichnamigen Roman, der Anfang des Jahres bei Hanser erschienen ist, setzt sie ihren Vorfahren ein literarisches Denkmal. Aber keines, das die blinden Flecken, Trübsal und Tragödie außen vor lässt. Maria und Josef Moosbrugger, Helfers Großeltern, leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Rande eines kleinen Dorfs in den Bergen. Maria bringt sieben Kinder zur Welt, vier Jungen und drei Mädchen. Während des Ersten Weltkriegs, ihr Ehemann kämpft gerade an der Front, wird Margarethe geboren, die Mutter der Autorin. Josef soll zeit seines Lebens kein Wort mit ihr gesprochen haben.

Schon auf den ersten zwei Seiten entfaltet Helfer die volle Wucht ihrer tragisch-verschrobenen Familiengeschichte: „Das Mädchen legt sich nicht zwischen die Eltern, es legt sich an den Rand des Bettes. Es muss festgehalten werden, damit es nicht herausfällt, hinunter auf den Boden …“. Während Josefs Abwesenheit muss sich die bildschöne Maria nicht nur den schamlosen Bürgermeister vom Leib halten, sie kämpft auch mit ihrer aufkeimenden Leidenschaft für den durchreisenden Georg. Sehr subtil verhandelt die 1947 geborene Schriftstellerin weibliche Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter: Reiß dich zusammen! Sei nicht so lebhaft! Trink nicht und rauch nicht!, schleudert man den Protagonistinnen entgegen. Marias Schönheit gilt noch in den nachkommenden Generationen als Fluch und weckt ihrerzeit die Missgunst der Dorfbewohnerinnen; unverhohlen rätselt und tratscht man während des Krieges über ihren wachsenden Schwangerschaftsbauch. Die Abhängigkeit ihrer Frauenfiguren erschien Monika Helfer beim Schreiben besonders interessant: „Wenn wir von Abhängigkeit sprechen, denken wir zuerst an Schwäche. Diese Frauen aber waren nicht schwach. Josef ist eigentlich ein schwacher Mann, Maria keine schwache Frau. Aber es gilt in ihrer Welt das Männliche. Das Männliche heißt oft Gewalt“, schildert sie in einem Interview. So bleibt der als eigenwillig und impulsiv charakterisierte Josef auch während seines Fronteinsatzes immer präsent und schlüpft nach seiner Rückkehr wie selbstverständlich erneut in die Rolle des Familienoberhaupts. Nie verliert er ein Wort über das Erlebte oder die zwielichtigen Geschäfte, mit denen er seine Familie über Wasser hält. Obwohl er im Krieg „das Schmusen verlernt“ hat, zeugen Josef und Maria zwei weitere Kinder. Von Geburt an Außenseiter, benehmen sich vor allem die Ältesten, Hermann und Lorenz, mehr wie kleine Erwachsene, sind besonders ihrer Mutter Stütze und Beschützer. Die teils turbulenten Lebensgeschichten ihrer Tanten und Onkel flicht Monika Helfer oft anekdotisch in die Handlung ein, leichtfüßig changiert sie dabei zwischen den Zeitebenen.

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter Margarethe wuchs die Österreicherin bei deren Schwester, Tante Kathe, auf, die erst mit weit über 90 Jahren vieles von dem preisgab, was später den Stoff des Familienmemoires bildete. Helfer macht keinen Hehl daraus, dass dessen Handlung nicht immer der Wahrheit entspricht, durch hundertfaches Wiederzählen verzerrt wurde und Geschichten immer beeinflusst werden von dem, der sie erzählt – besonders, wenn es um die eigene Herkunft geht: „So stelle ich mir vor – so möchte ich mir vorstellen …“. Elegant nutzt die Schriftstellerin Leerstellen, um zu imaginieren oder auszuschmücken, ergründet familiär verankerte Rituale und Redewendungen, verdichtet und vertauscht. Mit zärtlicher Neugierde nähert sie sich ihrem Sujet und nimmt sich selbst so weit als möglich zurück. Stets kreist das Geschriebene um die Frage, wie schwer das emotionale Gepäck unserer Vorfahren eigentlich wiegt. Oder mit Helfers Worten: Wann und wo endet die Bagage? „Beinahe alle, über die ich schreibe, liegen unter der Erde“, heißt es beinahe am Schluss des schmalen Romans. In diesem letzten Absatz über ihre Tochter Paula, die mit nur 21 Jahren tödlich verunglückte, beweist Monika Helfer noch einmal eindrücklich, dass es für große Gefühle nicht immer große Worte braucht.

Saison der Wirbelstürme

Hier wird geflucht, geschlagen, gesoffen und gelitten

Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme, Wagenbach Verlag, Berlin 2019, 240 Seiten, 22,00 €. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar.

Eigentlich mag ich keine Romane, mit deren Protagonist*innen ich keine Sekunde lang tauschen geschweige denn ihnen je begegnen möchte; solche, in denen sich Sätze über eine ganze Seite erstrecken und man Kapitelüberschriften fast vergeblich sucht – und vor allem, in denen so exzessiv geflucht und noch expliziter gefickt wird. Diesen Roman mag ich trotzdem. Er ist so erbarmungslos und an vielen Stellen ekelerregend, dass Hoffnungen auf ein Happy End gar nicht erst aufkommen. Auch die Charaktere scheinen den Glauben an ein besseres Leben längst begraben zu haben: Multiperspektivisch erzählt Fernanda Melchor vom unerbittlichen Leben in der mexikanischen Provinz La Matosa. Ausgehend vom gewaltsamen Tod der „Hexe“, einer Furcht und Faszination verbreitenden Heilerin, entfaltet die Autorin einen toxischen Sog aus Armut und Aberglaube, Hitze und Hoffnungslosigkeit. Damit ist „Saison der Wirbelstürme“ viel mehr als die mystische Spukgeschichte, die der Klappentext andeutet: ein verzweifelter Wutausbruch ob der Lebensrealität vor allem mexikanischer Frauen und Minderheiten – kurz gesagt: das Gegenteil von Wohlfühl-Literatur.