Saison der Wirbelstürme

Hier wird geflucht, geschlagen, gesoffen und gelitten

Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme, Wagenbach Verlag, Berlin 2019, 240 Seiten, 22,00 €. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar.

Eigentlich mag ich keine Romane, mit deren Protagonist*innen ich keine Sekunde lang tauschen geschweige denn ihnen je begegnen möchte; solche, in denen sich Sätze über eine ganze Seite erstrecken und man Kapitelüberschriften fast vergeblich sucht – und vor allem, in denen so exzessiv geflucht und noch expliziter gefickt wird. Diesen Roman mag ich trotzdem. Er ist so erbarmungslos und an vielen Stellen ekelerregend, dass Hoffnungen auf ein Happy End gar nicht erst aufkommen. Auch die Charaktere scheinen den Glauben an ein besseres Leben längst begraben zu haben: Multiperspektivisch erzählt Fernanda Melchor vom unerbittlichen Leben in der mexikanischen Provinz La Matosa. Ausgehend vom gewaltsamen Tod der „Hexe“, einer Furcht und Faszination verbreitenden Heilerin, entfaltet die Autorin einen toxischen Sog aus Armut und Aberglaube, Hitze und Hoffnungslosigkeit. Damit ist „Saison der Wirbelstürme“ viel mehr als die mystische Spukgeschichte, die der Klappentext andeutet: ein verzweifelter Wutausbruch ob der Lebensrealität vor allem mexikanischer Frauen und Minderheiten – kurz gesagt: das Gegenteil von Wohlfühl-Literatur.