Rapper Alligatoah: „Man darf seine Hörer nicht unterschätzen“

Alligatoah: »Man darf seine Hörer nicht unterschätzen«

Vor der Veröffentlichung seines Albums Musik Ist Keine Lösung sprachen wir im Rahmen seiner Akustik-Tour mit Alligatoah über Schauspielerei und Straßenmusik, über Lösungen und Inspiration, über Bildung, Dummheit und darüber, dass man seinem Publikum ruhig etwas zutrauen darf. Im August dieses Jahres erntete Alligatoah für seine Single Willst Du eine Platin-Schallplatte. Dabei hat sich der Wahl-Berliner schon längst zu anderen Ufern aufgemacht. Bereits im Januar hat er mit der Arbeit an seinem neuen Album begonnen: Musik Ist Keine Lösung erscheint am 27. November über Trailerpark. Wir treffen Alligatoah im Heidelberger Kongresshaus, wo seine Akkordarbeit-Tour einen Stopp einlegt. Vergoldete Stühle, eine malerische Empore und Stuck in Hülle und Fülle findet man auf Rap-Konzerten eher selten. Doch diese Schublade erscheint angesichts des musikalischen Oeuvres von Lukas Strobel ohnehin zu eng. Entsprechend viel gibt es zu besprechen: Wie Alligatoah seine Zielgruppe einschätzt, wo er seine Goldenen Schallplatten aufgehängt hat, warum Musik keine Lösung ist und vieles mehr erzählt er uns im ausführlichen Gespräch.

Interviews sind ja eigentlich nicht so dein Ding, oder? Dein Labelkollege Timi hat sich dafür entschieden, überhaupt keine zu geben. Kam das für dich nicht infrage?
Ich muss sagen, ich geb‘ gar nicht so ungern Interviews. Es gibt Sachen, die ich lieber mache, aber ich sag‘ immer: Es gab mal eine Zeit, da wollte keiner Interviews von mir. Da habe ich auch Musik gemacht, aber keiner hat nachgefragt. Zu dem Album jetzt gibt es für mich ein bisschen was zu sagen. Deswegen ist es doch auch irgendwo etwas Schönes, wenn Leute Interesse haben an dem, das ich mache, auf mich zukommen und mir Fragen stellen. Dann will ich auch gerne nach besten Wissen und Gewissen versuchen, diese Fragen zu beantworten.

Zuerst würde ich aber gerne über die Akustik-Tour sprechen, die ja schon fast wieder vorbei ist. Wie lief es bisher?
Es war wunderschön. Diese Akkordarbeit-Tour habe ich ja bereits letztes Jahr gemacht, mit einem Gitarristen. Dieses Jahr mit BRKN am Piano, also immer begleitet von einem akustischen Instrument. Das Schöne daran ist halt einfach, dass es mal was ganz anderes ist. Dass die Songs auf der Bühne neu geboren werden, in einer einzigartigen Akustik-Version mit variierenden Pausen, variierenden Intros und Längen. Manchmal unterbrechen wir einen Song mittendrin, um uns irgendwie anzuschreien oder so. Es passiert immer irgendwas und es ist nie geplant. Es kommt einfach, deswegen macht das so großen Spaß. Zudem spielen wir halt auch in den wunderschönsten Theatersälen, die man sich nur wünschen kann, oder die ich bisher in meiner noch jungen Karriere gesehen habe. Denn als Rapper hat man viele Untergrund-Schuppen gesehen, viele heruntergekommene, industriehallenartige Locations. Dann mal in einem Saal mit Gold und Stuck zu spielen, ist natürlich sehr schön.

Bemerkst du Änderungen im Publikum, im Vergleich zu den anderen Tourneen?
Das Publikum muss ich manchmal ein bisschen beherrschen und zurückhalten. Denn die wollen manchmal aufstehen, mitgrölen und schreien. Was ja auch schön ist, diese Eigendynamik. Es ist für sie etwas ungewohnt, wirklich auf dem Platz sitzen zu bleiben, aber an sich nehmen die das sehr gut auf. Man bemerkt auch, dass die eine oder andere ältere Person dabei ist, die sonst nicht zum Konzert gekommen wäre. Weil das Rumstehen vielleicht einfach nix für diese Person gewesen wäre. Die Leute hören zu, die Leute nehmen sich Zeit, und das finde ich schön.

Wenn der Fokus so sehr auf dir liegt, heißt das im Umkehrschluss, dass du dir mehr Mühe geben musst als sonst?
Es ist ein anderes Auftreten. Ein Trailerpark-Auftritt ist auch sehr spontan und ungeplant, aber man hat tatsächlich, wie du sagst, immer noch die anderen dabei, auf die man sich verlassen kann. Wenn einem selbst gerade nichts einfällt, dann sagt der andere was zu einem Song, und das schaukelt sich so hin und her. Alleine auf der Bühne sein bedeutet, dass die ganze Show in meiner Hand liegt, aber das finde ich auch ganz gut. Das gefällt mir, damit kann ich umgehen. So habe ich mehr Verantwortung und mehr Kontrolle. Wie so oft im Leben: Mehr Macht bringt gleichermaßen Freude und Probleme.

Abgesehen von den Auftritten: Macht es mehr Spaß mit den Jungs unterwegs zu sein oder alleine?
Da sind wir ja auch bei Trailerpark sehr unterschiedlich, wie wir das backstage zelebrieren. Wenn die Jungs gerade mal das eine Zimmer zerlegen, sitze ich vielleicht im anderen und spiele Gitarre oder trinke einen Tee, um meine Stimme zu schonen. Manchmal zerstöre ich auch mit, aber das kommt seltener vor.

Warum legst du so viel Wert auf Bühnenbild und Performance?
Ich baue mir auf der Bühne meinen eigenen Spielplatz. Jeder Gegenstand, den ich mir da hingestellt habe, ist für mich eine neue Möglichkeit zum Interagieren, zum daran Rauf- und Runterklettern, zum Dagegenschlagen und Musikmachen. Ich nutze alles, was ich mir da hinstelle, und freue mich somit auf jede neue Tour, weil immer was Neues da steht.

Wenn du privat auf Konzerte gehst, kannst du es dann trotzdem feiern, wenn sich jemand einfach auf die Bühne stellt und ein bisschen mit den Armen rumfuchtelt?
Wenn ich Konzerte sehe, dann finde ich es meistens sogar anstrengend, wenn Leute was Schauspielerisches probieren und zwischen den Songs die ganze Zeit versuchen, einen auf lustig zu machen. Viele können das auch nicht, glaube ich. Ich sag‘ das jetzt mal so überheblich: Ich denke, das ist so ein bisschen mein Bereich, den ich für mich entdeckt habe. Andere haben andere Bereiche und sollten dann vielleicht nicht so viel zwischen ihren Songs acten.

Kannst du dir vorstellen, dein Talent weiter auszubauen? Zum Beispiel am Theater?
Theater … (überlegt). Ich hab‘ immer gesagt, ich will nicht so gerne zum Theater. Wenn ich etwas Schauspielerisches mache, dann möchte ich das so halten, dass das Gemachte gespeichert und reproduzierbar ist. Denn wenn du auf der Theaterbühne stehst und etwas spielst, machst du das einen Abend und dann ist es weg. Wenn du einen Film drehst und da deine Leistung bringst, dann ist es sozusagen für immer und ewig, solange eben dieses Medium hält, gespeichert.

Gab es schon irgendwelche Angebote aus der Filmbranche?
Bisher noch nichts, was mich gereizt hätte. Ich bin jetzt ja auch gerade sehr in der Musiksache abgerutscht. Aus dem Sumpf komme ich so schnell auch nicht wieder raus. Aber ich bin auch sehr offen, derartige Sachen auszuprobieren.

Kommen wir zur Musik. Für deine nächste Tour hast du dir eine komplett neue Band zusammengestellt. Kanntest du die Leute schon vorher oder war das so eine Art Casting?
Ich hatte überlegt, ein Casting zu machen. So richtig mit Jury und Stern, wo die drauf stehen müssen und sich vorstellen. Natürlich werden immer die Schlechtesten genommen, weil die am unterhaltsamsten sind. Ich habe dann aber davon abgesehen. Ich hab‘ sehr gute Empfehlungen von meinem Tonmann bekommen. Der hat mir den Gitarristen und den Drummer empfohlen, weil er mit denen schon gearbeitet hatte. Die wiederum haben mir den DJ und den Klarinettisten vorgestellt. So ist einfach eine einzigartige Truppe entstanden. Ich benutze das Wort ‚einzigartig‘ eigentlich ungern, weil es so hochtrabend ist, aber ich glaube, es trifft zu. Denn was ich an anderen Bands kennengelernt habe, die mit einem Musiker auf Tour gehen, der vorher solo unterwegs war, wirkt das sehr berufsmusiker- und zweckgemeinschaftsmäßig. Das, was ich mir da zusammengestellt habe, ist schon eine richtige Gemeinschaft geworden. Und das seit dem ersten Ton, den wir gemeinsam gespielt haben. Von Show zu Show wird das natürlich noch harmonischer und noch geiler. Jeder von den Jungs hat auch, sobald wir von der Bühne kommen, direkt eine Idee, wie man die nächste Show noch besser machen kann. So potenziert sich das immer mehr.

Die Instrumente für dein Album hast du trotzdem komplett selbst eingespielt, richtig?
Genau. Da war es mir dann wieder wichtig, dass ich im Prinzip genauso weitermache, wie ich es immer gemacht habe. Dass ich mich ganz alleine in mein Kämmerchen zurückziehe und selbst Instrumente, die ich noch nie vorher in der Hand hatte, in die Hand nehme und versuche, ihnen Töne zu entlocken. Und das, was dabei rauskommt, für meine Songs zu benutzen.

Weil du schwer Arbeit abgeben kannst oder keiner das so gut hinbekommen würde?
Ich glaube, andere würden das sogar besser machen. Andere könnten wesentlich besser Akkordeon spielen. Ich kann überhaupt nicht Akkordeon spielen. Aber meine Musik funktioniert dadurch, dass sie nicht so perfekt ausproduziert ist, so komplett astrein und nach allen Regeln der Kunst. Sondern dass sie halt auch kleine Stolpersteine hat und Stellen drin sind, die kein anderer so spielen würde, weil sie einfach nicht gut sind. Die Gitarre im Song Willst Du zum Beispiel, die ist auch schief und eigentlich wollte ich sie nochmal einspielen. Ich hatte die nicht mal im Studio aufgenommen, sondern ganz normal in meiner Wohnung. Irgendwann habe ich mich dann aber daran gewöhnt und es hat mir gefallen. Deswegen habe ich sie drin gelassen. Das hätte so eben kein anderer gemacht. Nach diesem Prinzip gehe ich jetzt eben wieder vor. Alles selbst spielen, alles kaputt machen, damit bloß irgendwas Eigenes dabei rumkommt. Lieber was Eigenes als etwas Professionelles.

Hat offensichtlich funktioniert. Das übergreifende Thema auf Triebwerke betraf ja eher das Zwischenmenschliche. Musik Ist Keine Lösung ist schon fast politisch. Hat sich das so entwickelt oder gab es vorher ein Konzept?
Ich wusste, dass ich in diese Richtung gehen möchte, dass ich gesellschaftliche Themen anfasse. Ich glaube aber, wenn man noch weiter zurückblickt und meine Diskographie betrachtet, ist es thematisch näher an Sachen dran, die ich vorher schon gemacht habe. Zum Beispiel In Gottes Namen oder anderen Releases zu der Zeit.

Kannst du dir eigentlich vorstellen, Musik ohne Satire zu machen?
(Überlegt lange) Ich versuchs mir gerade vorzustellen, deswegen die lange Pause. Ich kann es mir vorstellen, aber die Vorstellung ist nichts, was mich interessiert oder glücklich machen würde. Denn es ist ja irgendwie mein kompletter Ansatz. Dann bräuchte ich eigentlich keine Musik zu machen, wenn ich welche mache, die direkt ist.

Manche machen das ja zur Selbsttherapie.
Ja, das stimmt. Aber ich sag‘ mal so: Auch satirische Musik kann etwas Selbsttherapierendes haben. Es ist halt nur ein anderes Medium, das man wählt. Man wählt den Weg über ein paar Ecken und sagt die Sachen nicht direkt, sondern lässt Charaktere oder Figuren das aussprechen, was einen irgendwie beschäftigt, oder man beleuchtet das Ganze von unterschiedlichen Sichtweisen. Aber es sind Themen, die mich dennoch beschäftigten und etwas mit mir zu tun haben. Ob ich direkt mit solchen Situationen in Kontakt gekommen bin oder das Geschichten sind, die ich gehört habe und die mich so gefesselt haben, dass ich daraus eine Figur für einen Song erfunden habe.

Im Pressetext stand, dass du mit deiner Musik Debatten auslösen willst. Glaubst du nicht, dass du damit die Zielgruppe, beziehungsweise die, die sich angesprochen fühlen, überschätzt?
Ich glaube, die Zielgruppe wird öfter unterschätzt, als man denkt. Denn die große Kritik, die ja dann immer kommt, auch bei Texten, die ein bisschen heikel sein könnten – »Willst du mit mir Drogen nehmen?«, kann man natürlich verstehen, dass das nicht unbedingt auf dem Kinderkanal gesendet wird – jedenfalls, die Kritik kommt dann allerdings von erwachsenen Leuten, die sich nur versuchen vorzustellen, wie es bei der jungen Generation aufgenommen wird. Die wiederum ist größtenteils einen Schritt weiter und auch in der Lage, Ironie und Satire zu begreifen. Weil man ja heutzutage auch sehr viel damit konfrontiert wird und einem ein anderer Umgang damit anerzogen wird. Je früher man Menschen mit so einer Art Humor konfrontiert, desto eher reift auch ein Verständnis dafür.

Im Titeltrack klingst du schon fast angepisst darüber, wie deine Musik teilweise aufgenommen wird. Macht dich das wirklich wütend, wenn du zum Beispiel im Berliner Kurier diesen seltsamen Artikel liest … ?
Du brauchst das nicht zu wiederholen, ich hab‘ es tief in der Seele. Aber ich hab‘ mich ja auch im Titeltrack insofern aus der Affäre gezogen, als dass ich da einen anderen mit der Kunstfigur Kaliba, also meiner Rap-Identität, sprechen lassen habe, der das Leben im Prinzip hasst. Nein, nein, das ist falsch. Ich hab‘ jemanden sprechen lassen, der unbesiegbar durch Gleichgültigkeit geworden ist. Dem die Sachen nichts mehr bedeuten, dem Leid und Elend egal sind. Der auf seine eigenes Wohlergehen schaut und auf alles andere herabblickt. Im Prinzip möchte der den Musiker Kaliba verführen, auch auf diese Seite zu kommen und die ganze Menschheit hinter sich zu lassen, die eh zu blöd ist, die Texte zu verstehen. Das ist einfach eine interessante Konfrontation. Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen. Natürlich gibt es Sachen, die mich dann auch mal einen Moment stutzig werden lassen. Aber in erster Linie bin ich persönlich eher amüsiert von allem, was passiert, wenn ich Musik in den Äther blase. Da kommt es zu den unterschiedlichsten, absurdesten Interpretationen.

Wie war das, als die NPD Willst Du verwendet hat?
Ich fand das tatsächlich amüsant, weil auch da ja sofort etwas passiert ist: Es hat einen Shitstorm gegeben, die Menschen haben das nicht mit sich machen lassen. Das ist für mich auch nochmal ein Argument für das, was ich gesagt habe. Dass man die Hörer nicht unterschätzen darf. Denn die sehen ja, was da passiert und melden sich zu Wort. Wenn diese sehr fragwürdige Partei sich auf diese Art und Weise selbst demaskiert, dann ist das für mich eigentlich Genugtuung genug. Dann gibt es eben noch eine kleine Zeile mit auf den Weg, wie in dem Song Musik Ist Keine Lösung, die das auf meine Art kommentiert. Denn ich bin nicht derjenige, der dann direkt ein Statement verfasst in einer Länge, dass man auf ‚Weiteres anzeigen‘ klicken muss, um weiterlesen zu können, was ich geschrieben habe. So etwas mache ich nicht gerne. Es weiß sowieso jeder, wie ich dazu stehe, dazu braucht man nicht viel zu sagen. Ich glaube, je weniger Bedeutung man solchen Sachen zumisst, um so besser und um so mehr laufen die Bemühungen solcher Menschen ins Leere oder am besten gegen eine Wand. Oder vielleicht sogar in einen Abgrund.

In den beiden Videos zur Schöpfungsgeschichte deines Albums sieht man, dass du viel in der Natur unterwegs warst.
Genau, ich habe ein eigenes kleines Studio in einer ländlichen Gegend, fernab vom Stress und vom Trubel der Stadt. Da habe ich wirklich die Ruhe gefunden, in dieser kurzen Zeit, also seit Januar dieses Jahres, sehr produktiv zu sein. Ich komme ja sowieso daher. Man weiß ja, dass ich auf dem Dorf groß geworden bin und meine ersten musikalischen Ergüsse im Prinzip genau so entstanden sind. Vielleicht noch nicht so musikalisch virtuos, aber ich bin durch die Felder gezogen und hab‘ mir meine Sachen ausgedacht. Ich bin von Baum zu Baum gesprungen und hatte da die ersten Ideen für die Internetsongs. Insofern ist die Arbeitsweise, die ich jetzt wieder habe, eine Art back to the roots.

Und die Geräusche, die du jetzt dort aufgenommen hast, sind auch wirklich auf dem Album? Ich glaube, bei Gute Bekannte habe ich dieses Steineknirschen gehört.
Ja, gut erkannt! Genau, die anderen Geräusche sind auch teilweise eingebaut worden. Ich bin gespannt, wer sich auf die Ostereiersuche macht und was da kommentiert wird. Wer rausfindet, wo etwas eingesetzt wurde, wo ich das Akkordeon oder die Trompete verwendet habe … es ist alles an kleinen Stellen eingebaut worden. Also ich sag‘ mal: Viel Spaß bei der Suche.

Dann gibt es noch das Projekt mit den Straßenmusikern. [Straßenmusik Ist Auch Keine Lösung mit Neuinterpretationen aller Songs, Anm. d. Red.] Kanntest du die Leute schon vorher oder bist du mit der Idee auf sie zugegangen?
Das ist unterschiedlich. Es gab welche, die ich einfach auf der Straße gesehen und angesprochen habe. Aber zum Beispiel der Onkel, also der Drummer aus meiner Live-Band, kommt aus der Straßenmusiker-Szene und kennt da Hinz und Kunz. Der hat uns auch ein paar Empfehlungen ausgesprochen, die wir dann kontaktiert haben.

Du hast die Leute also in dein Studio eingeladen, ihnen die Originale vorgespielt, und dann ist ganz spontan etwas entstanden?
Genau, das sind ja Profis. Die können das ja. Ich könnte das wahrscheinlich nicht. Wenn man mir einen Song gibt und ich den auf Gitarre spielen soll, dann bräuchte ich schon noch so ’nen Tach vielleicht, um den wirklich drin zu haben. Aber nicht diese Jungs. Denen brauchst du nur den Song zu zeigen, die setzen sich hin, nehmen ihr Instrument in die Hand und es fließt einfach. Vielleicht kommt auch etwas ganz anderes dabei raus als beim Original, es schweift ab oder explodiert auch mal nach hinten raus. Aber es funktioniert trotzdem und es ist so ähnlich wie jetzt auf der Akustik-Tour. Der Song entsteht in diesem einen Moment. Es gibt keine verschiedenen Takes, die aufeinandergelegt werden und nochmal aufnehmen und nochmal schneiden. Da gibt es nur den einen Take, und was darin passiert, das ist es dann auch.

Nach welchen Kriterien wählst du deine erste Single aus?
Ich frage auch Leute aus meinem Umfeld. Ich zeige die fertigen Songs meinen Jungs von Trailerpark und auch anderen, und bekomme dann schon erste Resonanzen. Also welche Songs gut ankommen könnten, welche funktionieren und beim Hörer hängenbleiben. Danach wird entschieden, welcher Song ein Video bekommt und welche Reihenfolge es geben könnte. Es kann aber auch sein, dass ich nach der Veröffentlichung des Albums noch einen neuen Song mit in die Auswahl nehme, weil ich dann vielleicht gemerkt habe, dass dieser Song für die Leute da draußen sehr bedeutsam ist. Wenn ich könnte, würde ich zu jedem Song ein Video drehen und jeden als Single auskoppeln, denn ich mag alle meine Songs. Ich möchte für alle meine Kinder nur das Beste.

Glaubst du, dass du je einen besseren – besser im Sinne von erfolgreich – Song schreiben kannst als Willst Du?
Hm. Ich habe mich nicht hingesetzt und versucht, Willst Du 2 zu schreiben. Das würde zu nichts führen und im Chaos enden. Aber wenn ich an den Moment zurückdenke, in dem der Song entstanden ist: Da habe ich auch nicht versucht, eine erfolgreiche Single zu schreiben. Ich bin einfach einer Idee gefolgt, die ich im Kopf hatte und die mich zum Schmunzeln gebracht hat. Genau so habe ich jetzt auch auf Ideen gewartet. Ob da jetzt eine erfolgreiche Single dabei ist, wird sich zeigen oder nicht zeigen.

Wo hast du deine Platin-Schallplatte aufgehängt?
Die hängt noch gar nicht, sondern steht noch eingepackt auf dem Boden. Ich bin noch nicht dazu gekommen, den Nagel in die Wand zu nageln. Aber die anderen beiden Platten, also die Goldenen für Single und Album, hängen im Flur. Denn da geht man manchmal vorbei und freut sich dann, wenn an der Wand was glitzert.

Bedeutet dir persönliches Feedback trotzdem mehr?
Wenn es ein gerahmtes persönliches Feedback gäbe, dann würde wahrscheinlich das in meinem Flur hängen und nicht die Goldene Platte für die Verkäufe. Aber das ist nun mal nicht so, deswegen hängen die jetzt da. Aber diese Verkaufszahlen sind für mich etwas derart Abstraktes, dass ich das überhaupt nicht richtig greifen kann. Deshalb hab‘ ich auch relativ wenig emotionalen Bezug dazu, wenn da steht »Hunderttausendmal verkauft«. Ich sehe die Menschen nicht, wenn ich auf diese Zahl gucke. Das ist etwas anderes, als wenn mir ein guter Freund auf die Schulter klopft und sagt: Haste schön gemacht.

Zurück zum Album. Hast du bei Denk An Die Kinder an ganz konkrete Leute gedacht, die in der Öffentlichkeit stehen?
Nee. Das könnte man meinen, aber ich habe den Song nicht mit der Intention gemacht, irgendeine existierende Person zu demaskieren, zu diffamieren oder in irgendeiner Weise anzugreifen. Bei dem Song war mir wichtig, dieses Überemotionalisieren von Themen in der Öffentlichkeit anzusprechen. Denn egal, in welcher Debatte der politisch-gesellschaftlichen Öffentlichkeit wir uns befinden: Sobald Kinder im Spiel sind, ist die absolute Karte gespielt, ist das Ass auf dem Tisch, und keiner kann mehr was sagen. Dann wird es emotional und einfach schwierig, noch irgendetwas Konstruktives oder Sinnvolles zu sagen. Das war der Grundgedanke dieses Liedes. Denk‘ an die Kinder, denken tut nicht weh.

Zu Teamgeist: Gibt es irgendeine Gruppierung, der du dich zugehörig fühlst und deren Ideologie du so unterschreiben würdest?
Also die Hutträger fand ich sympathisch, aber ansonsten: nein. Denn was dieser Song auch kritisch beleuchtet, ist die Teambildung an sich, das Zusammenschließen. Was nicht heißen muss, dass es schlecht ist, eine Gemeinschaft zu bilden, sich zusammen gut zu fühlen und seine Identität in einer Gruppe zu suchen. Aber es birgt eben auch die Gefahr, dass man dadurch anfängt, andere Gemeinschaften nicht so cool zu finden.

Gute Bekannte habe ich so verstanden, dass man Angst hat, echte Emotionen in Beziehungen zu investieren und Leute deshalb auf Distanz hält. Denkst du, das ist ein Generationsproblem, auch bedingt durch soziale Medien?
Das kann sein. Ich glaube, auch früher, als es noch keine sozialen Medien und keine digitalen Kontaktgeräte gab, haben es Menschen geschafft, eine Mauer zu bauen und Leute nicht an sich ranzulassen. Obwohl sie es vielleicht sogar selbst möchten, aber ihnen der Mut oder die soziale Kompetenz fehlt. Der Song spielt natürlich im Jetzt und hat deswegen auch den Bezug zu dem, was mittlerweile solche Dinge verstärkt und ermöglicht.

Wenn du Leute kennenlernst, fällt es dir dann leicht, die an dich ranzulassen oder denkst du manchmal, dass die nur mit dir reden, weil du berühmt bist?
Ich glaube, das erkennt man relativ schnell. Ich denke, ich kann das relativ gut unterscheiden. Aber das sagt wahrscheinlich jeder von sich. Ich bin mal so naiv, zu glauben, dass ich das wirklich kann. Früher oder später würde sich so oder so zeigen, was die Motivation ist. Aber ich bin von Natur aus, das war ich auch vor meinem Ruhm, ein Mensch, der – was vielleicht an meiner norddeutschen Ader lag – immer ein bisschen Zeit gebraucht hat, um neue Leute an sich ranzulassen und mit ihnen warm zu werden. Was aber der Freundschaft an sich sehr viel Gutes getan hat. Denn dadurch wurde es dann, wenn es zusammengewachsen war, noch inniger und vertrauensvoller.

Der letzte Satz des Albums lautet: »Die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.« Heißt das, dass man alle Bosheit durch Bildung ausmerzen könnte?
Ich glaube, das ist nicht nur eine Frage von Bildung. Es gibt sehr gebildete Menschen, die dennoch sehr gefährlich sind, weil sie insofern dumm sind, als dass ihnen die emotionale Intelligenz fehlt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Als dass ihnen Empathie fehlt oder die Möglichkeit, über die Konsequenzen ihrer in dem Moment vielleicht klug erscheinenden Handlungen nachzudenken. Ich glaube, da gibt es viele Faktoren. Wenn ich so etwas sage, nehme ich mich ja auch nicht raus. Ich bin ja auch ein Mensch, und wir sind alle in irgendwelchen Bereichen sehr dumm und machen unglaublich viele Fehler. Dadurch kommt es zu sehr vielen Unstimmigkeiten auf dieser Welt, und am Ende ist auch niemand schuld, weil jeder einfach nur schlau im Sinne seiner Interessen oder Überzeugungen gehandelt hat. Aber böse ist keiner, glaube ich. Das ist eine Unterstellung, durch die noch mehr Hass und Zwietracht gesät wird.

Mhmm. Vielleicht hab‘ ich auch einfach zu viele Disney-Filme gesehen.(Lacht) Da wurde uns das anerzogen, das stimmt.

Du hast jetzt relativ große und umfassende Themen bearbeitet. Weißt du schon, wie es weiter geht?
So weit denke ich noch gar nicht. Aber ich hab‘ mir nie Sorgen darum gemacht, dass mir die Ideen ausgehen. Die sind irgendwann einfach da und dann weiß ich auch, in welche Richtung das nächste Projekt gehen wird. Aber eins nach dem anderen, step by step.

Wenn Musik keine Lösung ist, was ist sie dann?
Ich glaube, um eine Lösung zu sein, muss etwas sehr endgültig und abgeschlossen sein. Das sollte Musik nicht sein, weil es auch nach Musik noch weiter geht. Aber sie kann eine wunderbare Inspiration sein. Vielleicht sogar für eine Lösung.

Veröffentlicht am 27. November 2015 auf laut.de.