Straßentauben im Stadtleben

Die Vorurteile gegenüber Tauben halten sich hartnäckig: Sie würden Krankheiten übertragen, sich ungebremst vermehren und unverschämt benehmen. In Stuttgart kämpft eine kleine Gruppe Vogelschützer dagegen an.

Stuttgarter Vogelschützer

Mit einer Nagelschere und viel Geduld befreit Britta Leins eine Straßentaube von der Schnur, die sich fest um beide Beine gewickelt hat. Täte sie das nicht, drohen dem Vogel Eitergeschwüre, schwarze, schrumpelige Zehen und in letzter Konsequenz das Abfaulen der Gliedmaßen. Präventiv lässt sich gegen dieses Problem nicht vorgehen: Stofffäden und Haare verirren sich, für das menschliche Auge kaum sichtbar, überall. Auf der Suche nach hilfsbedürftigen Stadttauben klappert eine kleine Gruppe Freiwilliger, bepackt mit Körnerfutter, Keschern und anderen Utensilien, die bekannten Problemplätze ab. Weit mehr als 10.000 Tauben leben im Großraum Stuttgart – und ziehen fortdauernd den Unmut der Bewohner auf sich. Öffentlichkeitsarbeit steht auf der Agenda der Vogelfreunde entsprechend weit oben.

Vor gut einem halben Jahr haben sie den Verein StraßenTAUBE und StadtLEBEN e. V. ins Leben gerufen. Auf den Rundgängen durch die Stadt sammeln sie verwaiste Jungtiere ein und bringen sie, wenn möglich, in betreuten Schlägen unter, stark verletzte Tiere werden mühsam gesund gepflegt. Bei gravierenden Schäden führt der Weg in die Karlsruher Vogel- und Reptilienklinik – alles auf eigene Kosten. Bisher verschlangen die veterinären Behandlungen rund 4.000 Euro. Dazu kommen Geldstrafen für Verstöße gegen das 1997 erlassene Fütterungsverbot: Bei einer Wiederholung sind das immerhin 230 Euro.

Viele Vorurteile und simple Lösungsansätze

Das negative Bild der als „Ratten der Lüfte“ beschimpften Stadtvögel hält sich hartnäckig, die Liste der Vorurteile ist lang – und ebenso umstritten. Britta Leins und ihre Kollegen haben stets das passende Gegenargument parat: Hunde und Katzen übertragen mehr und für Menschen gefährlichere Krankheiten, das könne jeder Tierarzt bestätigen. Taubenkot böte nur deshalb einen so hässlichen Anblick, weil die Vögel aus Mangel an artgerechten Alternativen gezwungen seien, sich von Abfällen zu ernähren. Trotzdem greift er laut einer Studie der Technischen Universität Darmstadt keine steinernen Bausubstanzen an. Ein Fütterungsverbot sei wegen des angezüchteten Brutzwangs nicht nur nutzlos, sondern kontraproduktiv: Um ihre Art zu erhalten, würden Taubenweibchen dann nur noch häufiger brüten.

Die Stuttgarter Vogelschützer fordern deshalb mindestens 20 Schläge mit kontrollierter Fütterung. Dort halten sich die standorttreuen Tauben nachweislich zu 80 Prozent ihrer Zeit auf und hinterlassen den Großteil ihrer Exkremente. Und was noch wichtiger ist: Unausgebrütete Eier lassen sich leicht gegen Gipsattrappen austauschen, die Population sinkt auf tierfreundliche Weise. An der Umsetzung hapert es jedoch. Vertreter der Stadt begründen dies mit Platzmangel, private Immobilienbesitzer bringen lieber Spikes und Netze an den Fassaden an, in denen viele Vögel qualvoll verenden. Unlängst hat der Verein StraßenTAUBE und StadtLEBEN e. V. Stuttgarter Bürger aufgerufen, sich für die Aktion „Stadttauben brauchen Menschen“ zusammen mit einer Taube zu fotografieren. Doch bis der Stadtvogel seinen schlechten Ruf vollends abschütteln kann, ist es noch ein langer Weg.

Veröffentlicht am 28. April 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.