Porträt eines Bestatters

Marc-Andre, 24 Jahre alt, arbeitet seit fünf Jahren als Bestatter – und er liebt seinen Beruf. Warum das so ist, wie er selbst beerdigt werden möchte und welche Herausforderungen sein Berufsalltag mit sich bringt, lest ihr in unserem Portrait.

Verwesungsgeruch ist eine Mischung aus süßlich und stechend. Viele machen den Fehler, die Luft anzuhalten. Aber eigentlich muss man ganz tief ein- und ausatmen.“ Wick Vaporub, eine Erkältungssalbe, die gegen diesen Geruch helfen soll, musste sich Marc-Andre noch nie unter die Nase reiben. Seit fünf Jahren arbeitet der 24-Jährige als Bestatter – und er liebt seinen Beruf. Jeden Tag beschäftigen ihn psychologische, wirtschaftliche, medizinische und manchmal religiöse Angelegenheiten, aber auch scheinbare Banalitäten wie Blumenarrangements oder Bodenbeschaffenheit. Diese Vielseitigkeit reizt ihn nach wie vor am meisten: „Ich wollte nie einen Beruf machen, der nur einer von vielen ist.

Während der Schulzeit hospitiert Marc-Andre in einem Bestattungsinstitut und bekommt die erste verstorbene Person zu Gesicht: „Das war gar kein Problem für mich“. Allein die Vorstellung bereitet den meisten Menschen eine Gänsehaut – für den jungen Odenwälder gehört der Anblick schon bald zum Alltag. Nach seinem Realschulabschluss entscheidet er sich für eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Die Wahl des Betriebes erweist sich allerdings als nicht sehr glücklich: Sein Chef habe ihn „leider hart über den Tisch gezogen“ und mit falschen Konditionen gelockt. Im dritten und letzten Lehrjahr verdient Marc-Andre 300 Euro im Monat; die Berufsschul-Lehrgänge in Bad Kissingen und Münnerstadt muss er selbst bezahlen. Doch Aufgegeben kommt nicht infrage.

Nach Abschluss der Ausbildung bewirbt er sich in einem anderen Institut und hat Glück: Mit einer Handvoll Kolleginnen und Kollegen kümmert er sich nun im südhessischen Dreieich um Verstorbene und Angehörige  – und das nicht nur “from 9 to 5”: „Die Angehörigen können uns jederzeit anrufen!“ Obwohl Marc-Andre über eine Stunde entfernt wohnt, muss er während seines Bereitschaftsdienstes, auch nachts oder am Wochenende, zügig und zuverlässig zur Stelle sein. Neben diesen Eigenschaften sollte ein Bestatter in seinem Augen empathisch und einfühlsam sein, die richtige Ausstrahlung mitbringen: „Es gibt auch Kollegen, die haben einfach nicht das Bestatterblut“, kritisiert der 24-Jährige besonders die ländlich gelegenen Familienbetriebe, oftmals Schreinerei und Bestattungsunternehmen in einem und nur wegen mangelnder Alternativen noch im Geschäft. „Ich nenne es mal Beruf und Berufung. Man muss für den Job gemacht sein.

Die wichtigste Regel lautet aber: Es ist „nur“ ein Beruf – bei dem man trotz Schmerz und Leid den Profit nicht aus den Augen verlieren darf. Das Wort „verkaufen“ kann Marc-Andre in diesem Zusammenhang trotzdem nicht leiden: „Ich schwätze den Leuten auch nichts auf, was sie nicht brauchen.“ Wenn ein Sarg ohnehin verbrannt wird, müsse es ja nicht unbedingt das Modell für 4.000 Euro sein. Die wichtigste Aufgabe sei, dass die Angehörigen sich sicher fühlen. Können sie sich zu einhundert Prozent auf die Bestattungsfachkraft verlassen, wirke sich das indirekt positiv auf die Trauer aus. Denn die meisten Angehörigen können und wollen sich angesichts des Todes eines nahestehenden Menschen nicht auch noch mit lästigem Papierkram, Behördengängen oder besagten Blumenarrangements herumschlagen.

Dazu kommt aber auch das, worüber die meisten Menschen nur ungerne nachdenken und in der Branche verharmlosend „hygienische Versorgung“ genannt wird. Gegenüber den Angehörigen gehe er nie darauf ein, was genau er und seine Kollegen dabei eigentlich machen. Im Interview erklärt Marc-Andre aber umso detaillierter, wie man Verstorbenen den Mund zunäht, sodass man es möglichst nicht sieht. Dabei wirkt er wie jemand, der sehr gewissenhaft arbeitet, denn: „Unser Beruf lebt von Mundpropaganda […] wir sind keine Metzger!“ Und Todesboten schon gar nicht. Besonders wenn er mit dem Leichenwagen unterwegs ist, begegnen ihm viele Menschen mit gesenktem Blick. Der Tod sei leider immer noch sehr verschwiegen. Der 24-Jährige hält es dagegen für sehr wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen: „Man geht wesentlich entspannter durchs Leben […] wenns passiert, dann passierts!“

Eine Feuerbestattung soll es werden – das weiß Marc-Andre spätestens, seit er gelernt hat, wie man ein klassisches Grab aushebt: „Da hab ich halt gedacht: Okay, und darin schwimmst du später?! Es kommt immer auf die Erde an, aber meistens ist das ’ne ziemliche Pampe“, erzählt er trocken. Seine Freundin dagegen finde, dass Urnen aussehen wie kleine Mülleimer. Überhaupt: Humor spielt unter Bestattungsfachkräften offenbar eine wichtige Rolle. Filme wie „Grabgeflüster“ und die erfolgreiche Serie „Six Feet Under“ gehören quasi zum Standardrepertoire. In der Berufsschule seien die angehenden Bestattungsfachkräfte meist unter sich geblieben. Schließlich wolle sich in der Pause nicht jeder über die kalifornische Unterwasserbestattung oder afrikanische Begräbnisbräuche unterhalten (in manchen Regionen symbolisiert die Form des Sarges den Beruf des bzw. der Verstorbenen). „Wir sind unsere eigene kleine Welt”, gibt Marc-Andre schmunzelnd zu.

Das Gewerbe mit Bestattungen ist nicht so alt, wie viele Menschen vielleicht denken. Bis ins 19 Jahrhundert wurden Leichen fast ausschließlich von Familienangehörigen bestattet. Inklusive Waschen, Bekleiden, Einsargen und Transportieren. Es war aber keine Bewusstseinsänderung der Bevölkerung, die das Dienstleistungsgewerbe mit Bestattungen schuf, sondern strenge gesetzliche Hygienevorschriften. Als offizieller Ausbildungsberuf existiert die Bestattungsfachkraft erst seit 2003. Zuvor wurden Bestattungen in der Regel von Tischlern und Schreinern durchgeführt, die gleichzeitig auch den Sarg zur Verfügung stellten. Sie gründeten die ersten Bestattungsunternehmen in Deutschland. Heute führen Bestatter sämtliche Aufgaben durch, sie organisieren nicht nur die Bestattung und Beisetzung, sondern auch die Trauerfeier. Die Würde des Verstorbenen und die Wünsche der Hinterbliebenen stehen dabei im Vordergrund.

Eine Bestattungsfachkraft ist zwar kein Therapeut – und doch hört sich Marc-Andre geduldig Anekdoten über die verstorbene Großmutter oder den geliebten Partner an. Trotz der nötigen professionellen Distanz fällt es ihm hin und wieder schwer, solche Gespräche kurz zu halten oder gar zu unterbinden. Dafür hat er vielen Kolleginnen und Kollegen eines voraus: Wenn die Arbeit erledigt ist, kann er abschalten. Marc-Andre grübelt nicht ständig über den Tod oder den Sinn des Lebens nach, und ein entsprechender Albtraum hat ihn auch noch nie gequält. Geht ihm doch mal etwas nicht aus dem Kopf, reiche ein kurzes Gespräch mit seinem Vater, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. „Meine Eltern und Verwandten waren schon erstaunt, dass ich so etwas machen kann.“ In seinem Bekanntenkreis werde er gerne mal als „Der Bestatter“ abgestempelt – dabei sei er nur ein Junge wie jeder andere, der gerne zockt und Zeit mit seinen Freunden verbringt.

Begeistert erzählt er von „einer der coolsten Beisetzungen“, die er bisher erlebt hat: Ein junger Biker starb an einem Herzinfarkt. Sein Sarg wurde von einer Kolonne Motorräder zum Friedhof begleitet. Dort angekommen packten die ehemaligen Kollegen als erstes die Bügelflasche aus und stießen auf den Verstorbenen an. Aus den Lautsprechern erschallte – man ahnt es schon – „Highway To Hell“. Dass vor allem ältere Menschen angesichts dieses Begräbnisses empört den Kopf schütteln, kann Marc-Andre trotzdem nachvollziehen. Was in seinem Augen aber so gar nicht in Ordnung ist: wenn Kunden ihn wegen seines jungen Alters nicht ernst nehmen. Einen Fall habe er sogar an einen älteren Kollegen abgeben müssen, weil die Angehörige ihn nicht ausreden lassen und sogar beleidigt, kurz gesagt vollkommen respektlos behandelt habe. Viel öfter werde er aber für seine Kompetenz gelobt.

Das kann man, in diesem Fall als unbeteiligte Zuhörerin, mehr als nachvollziehen. Dass Marc-Andre ein „unspektakulärer Fall für ein Portrait“ ist, wie er selbst sagt, bestätigt sich während des Interviews nicht. Ganz im Gegenteil: Jungen Menschen, die unmittelbar nach dem Schulabschluss ihren Traumberuf finden – nein, ihre Berufung – begegnet man schließlich nicht alle Tage. „Wenn die Angehörigen dann lachen, einem die Hand schütteln und sich bedanken – das ist für mich der Moment, in dem ich weiß, dass es genau der richtige Job für mich ist.“ Eines Tages hätte Marc-Andre gerne sein eigenes Bestattungsinstitut. Die 500.000 Euro, die er mindestens als Startkapital bräuchte, sind dabei nicht das größte Problem: „Der Markt ist überschwemmt mit Bestattern!“ Gestorben wird schließlich immer.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Magazinkonzepts für das Seminar „Zeit, Medien, Achtsamkeit“ an der Hochschule Darmstadt, Studiengang Medienentwicklung (M. A.), Wintersemester 2017/18.