Leben mit Büchern

Mein Leben mit Büchern

Es gibt viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Nach meinem Lieblingsbuch gefragt, fallen mir dagegen so viele ein, dass ich mich unmöglich entscheiden kann. Anstatt ein Werk vorzustellen, beschreibe ich deshalb die Rolle, die Literatur in meinem Leben spielt und welche Werke mich ganz besonders geprägt haben.

Angefangen hat alles mit Harry Potter. Ich muss in der zweiten oder dritten Klasse gewesen sein, als ich den ersten Band in die Finger bekam, denn ich weiß noch genau, dass ich »Dumbledore« nicht richtig aussprechen konnte. Sieben Jahre später, kurz vor meinem 15. Geburtstag, las ich die letzten Seiten der Heiligtümer des Todes und eine Ära ging zu Ende. Es war, als hätte ich einen guten Freund verloren; einen, der mich in den turbulenten Jahren des Heranwachsens stets begleitet hatte. Wie so viele Potter-Begeisterte kann ich nicht an einer Hand abzählen, wie viele Male ich jeden der sieben Bände gelesen, nein, verschlungen habe.

Dabei sollte es längst nicht bleiben. Die Wilden Kerle versetzten mich für eine Weile ins Fußballfieber, der Herr der Diebe führte mich durch die verwinkelten Gassen Venedigs und mit den Spiderwicks entdeckte ich eine fantastische Welt voller Kobolde, Sirenen und Drachen. Kurz gesagt: Bücher sind schon immer ein bedeutender Teil meines Lebens. Sie prägen nicht nur meine Weltanschauung, sondern beeinflussen unmittelbar mein Handeln. Gloria Steinem lehrte mich, patriarchale Strukturen zu hinterfragen, und spätestens seit ich mit Jack Kerouac Unterwegs war, träume ich von einer Reise durch die Vereinigten Staaten.

Die Leidenschaft für Literatur beschränkt sich nicht allein auf meine Freizeit, sondern schlug sich auch in der Wahl meines Studienfachs nieder. An der Uni lernte ich den Unterschied zwischen fiktiv und fiktional, wie man eine Geschichte hermeneutisch interpretiert und dass Im Westen nichts Neues zu Recht der meistverkaufte deutschsprachige Erzähltext ist. Die umfangreiche Pflichtlektüre störte mich nicht im Geringsten; gleichwohl genoss ich die Wahlfreiheit während der vorlesungsfreien Zeit und seit meinem Abschluss.

Wenn sich im Laufe der Zeit etwas verändert hat, dann höchstens meine Vorlieben: Sogenannte Strandlektüre fand immer seltener den Weg in mein Bücherregal und musste schließlich vollkommen weichen, um Platz zu schaffen für Lolita, Die Farm der Tiere und Das Bildnis des Dorian Gray. Betrete ich eine Buchhandlung, streife ich Krimis und andere Bestseller nur mit einem kurzen Blick und steuere dann zielstrebig die Roman- oder Klassikabteilung an. Auch wenn ich den einen oder anderen Wälzer von Weltrang schon entnervt beiseite gelegt habe – Stichwort Kafka –, weiß ich diese Kategorisierung im Großen und Ganzen zu schätzen.

Bei aller Liebe ergeht es mir jedoch hoffentlich nie wie Peter Kien: Dem gedruckten Wort vollkommen verfallen, verachtet der Protagonist aus Die Blendung alles Menschliche und geht schließlich am Wahnsinn zugrunde. Dabei scheint er die Tatsache auszublenden, dass Bücher von Menschen geschrieben werden; Menschen, die bisweilen Blut, Schweiß und Tränen vergießen, um ihre Gedanken und ihr Wissen zu Papier zu bringen. Mir abzugewöhnen, mehr Bücher zu kaufen, als ich lesen kann, versuche ich deshalb gar nicht erst.

Veröffentlicht am 16. November 2016 in der Straßenzeitung Trott-war.