Margarete Stokowskis „Untenrum frei“

Von großen und kleinen Freiheiten

Margarete Stokowski: Untenrum frei, Rowohlt, Reinbek 2016, 256 Seiten, 19,95 €,

Gesetzliche Frauenquote, reformiertes Sexualstrafrecht, eine Frau an der Regierungsspitze – wer braucht da noch Feminismus? Erfolge und Errungenschaften wie diese täuschen schell über die strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hinweg, die sich längst nicht auf Bereiche wie Pflege und Erziehung beschränkt. Vorurteile, Mythen und Klischees haben sich nachhaltig im kollektiven Gedächtnis eingenistet und fristen dort ihr destruktives Dasein. Beim Versuch sie abzuschaffen, geht es nicht um Frauenherrschaft, Männerschelte und unrasierte Beine – es geht um Selbstbestimmung und das Recht, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Sexualität dieselben Freiheiten zu genießen.

Ungleichbehandlung, so klein und harmlos sie zuweilen erscheinen mag, entsteht oft noch vor der Geburt und endet – ja, womit denn? So weit ist Margarete Stokowski, Jahrgang 1986, noch nicht. Nach ihrem Abschluss in Philosophie und Sozialwissenschaften schreibt sie als freie Autorin unter anderem für taz, die Zeit und Spiegel Online. Mit ihrem Debüt „Untenrum frei“ gelingt ihr der schwierige Spagat zwischen Autobiografie und analytischem Essay: Unterhaltsam und schonungslos ehrlich schildert die Berlinerin ihren Werdegang und verknüpft das Erlebte mit philosophischen, historischen und wissenschaftlichen Analysen. Stokowskis Anekdoten sind oft lustig, manchmal peinlich und stellenweise voll von körperlichem und seelischem Schmerz. Mit der Zeit hat er sich in eine gesunde Wut verwandelt, die den Ernst ihres Anliegens eindrucksvoll unterstreicht. Intelligent, aber nie trocken, schnodderig, aber nie flapsig, polemisch, aber nie mit erhobenem Zeigefinger zeigt Stokowski, dass noch ein langer Weg vor uns liegt. Doch sie ist optimistisch.

Veröffentlicht am 31. März 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.