Musiker Maeckes: „Künstler müssen keine Gutmenschen sein“

Viva con Agua war wieder mit prominenter Unterstützung in Afrika: Knapp zwei Wochen verbrachten unter anderem Maeckes, Marteria, Hip Hop-Journalist Marcus Staiger und Fotograf Paul Ripke in Kenia, um für sauberes Trinkwasser zu werben. Wir haben mit Maeckes über die Reise gesprochen.

Viva con Agua setzt sich für einen menschenwürdigen Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung ein. Vergangenes Jahr führte die Reise nach Uganda, dieses Jahr war Kenia an der Reihe: Von Nairobi aus ging es nach Kibera, einen der größten Slums Afrikas. Dort besuchte die Reisegruppe bereits realisierte Projekte, besah sich akute Problemstellen, gab Rap- und Foto-Workshops und organisierte ein Fußballspiel mit den kenianischen Kids.

 Ihr wart letztes Jahr schon mit Viva con Agua in Uganda. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ich unterstütz‘ Viva con Agua schon ewig, eigentlich seit ich denken kann und seit ich Musik mache. Michael Fritz, einen der Gründer, kenne ich schon von früher vom Basketball. Nachdem ich sie dann gut zehn Jahre unterstützt habe, hatte ich letztes Jahr die Möglichkeit, mir so ein Projekt vor Ort anzuschauen.

Was gefällt dir so gut an VcA?

Ich find‘, das Spenden bei VcA macht Sinn und ist angenehm. So etwas wie Becher schmeißen oder Leute, die auf der Gästeliste stehen, zwei, drei Euro zahlen lassen, damit ein bisschen Geld zusammenkommt: Das sind alles Mechanismen, mit denen Spenden Sinn macht. Ich glaube, dass das Geld wirklich dort ankommt, wo Hilfe gebraucht wird. Deswegen kann ich diese Spendenorganisation nachvollziehen und unterstütze sie.

Ist das Engagement also ein rein persönliches Anliegen oder siehst du dich als öffentliche Person in der Verantwortung?

Das ist ein persönliches Ding. Ich finde nicht, dass Künstler unbedingt auch Gutmenschen sein müssen. Es ist natürlich okay, wenn sie was Gescheites anstellen, aber wenn sie nur Ferrari fahren und Goldketten tragen wollen, dann finde ich das auch okay. Das soll jeder machen, wie er meint.

Wie genau bereitest du dich auf so eine Reise vor?

Erstmal lasse ich mich impfen. Man braucht einige Impfungen, aber das habe ich auch schon vor der Uganda-Reise gemacht. Ansonsten habe ich mich nicht so krass vorbereitet. Ich versuche ein bisschen was über das Land zu erfahren, aber sonst bin ich jemand, der einfach ins kalte Wasser springt. Ich mache lieber Musik, als mich auf Reisen vorzubereiten.

Bilder von Afrika kennen die meisten nur aus dem Fernsehen oder Internet. Wie fühlt man sich, wenn man das alles zum ersten Mal live erlebt?

Verrückt. Wie du gesagt hast, man hat ein Bild vor Augen, das man aus den Medien kennt. Vor Ort ist alles total fremd … die Gerüche, einfach alles. Wenn das zur Realität wird, was man zum Teil auch als Klisché kennt, dann ist das schon sehr verrückt. Ein bisschen spooky, aber auch sehr, sehr schön.

Was war denn das eindrücklichste Bild oder Erlebnis?

Eindrücklich? Das ist ja ein schönes Wort, voll absurd. Gibts das noch? Also welches Erlebnis hat am meisten Eindruck hinterlassen, meinst du? (überlegt) Viele Sachen: Wir haben in den Slums mit den Kids Fußball gespielt und bei den Massai haben wir um drei Uhr nachts Bier getrunken. Irgendwo in der Pampa zusammensitzen und sich, ohne dass man die selbe Sprache spricht, am Lagerfeuer mit Händen und Füßen unterhalten und tanzen. Ja, das wars vielleicht.

Wie hast du deine Eindrücke festgehalten?

Ich hab‘ vielleicht fünf Handyfotos gemacht. Dann hatte ich noch ein kleines Notizbuch, falls ich mal was aufschreiben wollte, aber sonst habe ich gar nicht viel festgehalten. Staiger hält das ja gut in Berichten fest und Paul fotografiert. Deswegen habe ich mich eher zurückgehalten und die Dinge mit meinen Augen festgehalten. Und in meinem Part, weil wir dort wieder einen Song geschrieben haben.

Wird die Reise von VcA streng durchgeplant oder kann man auch mal improvisieren?

Es sind schon viele Dinge geplant, weil man sich Projekte anschaut, die schon umgesetzt wurden, und Orte, an denen die Leute noch Grundwasser oder Wohnungen brauchen. Aber es gab auch freie Tage, da waren wir zum Beispiel in einem Altenheim. Durch das sind wir irgendwann auf einer Müllhalde gelandet, weil die Leute aus dem Heim versuchen, die Kids vom Müll wegzuholen und in die Schule zu stecken. Die Müllhalde war richtig krass: Da wurde Plastik verbrannt, und das stinkt unfassbar. Geier fliegen rum und die Leute dort arbeiten ohne Schuhe und Handschuhe. Die suchen im Müll nach dem besseren Müll. So was live zu sehen, ist echt krass.

Wie nah kannst du das an dich heranlassen und was fühlst du dabei?

So nah wie möglich. Man fühlt Ohnmacht ob der generellen Ungerechtigkeit, die herrscht. Und dann ist es noch so ein Cocktail aus Wut und Trauer.

Ich habe gelesen, dass ihr teilweise mit Bodyguards unterwegs wart und auf einem umzäunten Gelände gewohnt habt. Gab es Anfeindungen seitens der Einheimischen?

So richtige Bodyguards waren das nicht, sondern Leute aus den Slums vor Ort, die sich dort auskennen. Natürlich wird man auch angefeindet. Als Weißer ist man ja nicht vollkommen unschuldig an der Kolonisierung und solchen Sachen, auch wenn das nicht unsere Generation war. Wir waren im Slum, und dort gibts genug Leute, die bestimmt nicht so viel Bock drauf haben, dass dort weiße Pseudo-Weltretter rumlaufen und scheinbar Gutes tun. Sondern die wollen uns abziehen, deshalb kassiert man schon den einen oder anderen merkwürdigen Blick. Es gab schon ein paar komische Situationen, wenn es dunkel wurde und wir lange in einem Gebiet waren, sodass die Leute aufmerksam geworden sind. Aber wir waren immer sehr offen und nicht die typischen fettbäuchigen Weißen, die dort nichts anfassen wollen.

Weil du „Pseudo-Weltretter“ gesagt hast: Hast du denn das Gefühl, ihr konntet etwas bewirken?

Man fühlt sich echt ohnmächtig. Aber wenn irgendwo dort ein Brunnen gebaut wird, und es Wasser gibt, wo vorher nichts war, dann hat Viva con Agua faktisch schon etwas bewirkt. Selbst wenn die Workshops und das alles nichts gebracht haben. Wir haben untereinander viel diskutiert, inwiefern man überhaupt helfen kann, wie man da rangeht und mit der Ohnmacht klar kommt. Man kann halt nur die Symptome bekämpfen, aber das rückt die Verhältnisse auf der Welt nocht nicht zurecht. Die ganze Ungerechtigkeit ist ja ein Problem des Systems.

Wo siehst du das größte Problem, speziell in Kenia?

Zugang zu Trinkwasser ist natürlich ein großes Problem, und zum Teil auch Wohnen. Da gibt es die krassesten Wohnsituationen, wo eine Milliarde Menschen auf einem Quadratmeter zusammenleben und keine Toilette haben. Dann kommen die Probleme von oben dazu, die Politik dort ist sehr korrupt.

Man weiß ja vorher, dass es dort kaum Wasser gibt. Wie hast du das im Alltag erlebt?

Als ich aus Kenia wieder zurück nach Hause kam und aus dem Wasserhahn einfach ein Glas Wasser gezapft habe als ich Durst hatte, war das so krass für mich. Dort durften wir natürlich nie aus dem Hahn trinken, weil wir Europäer das ganz klar nicht vertragen. Einfach wieder den Zugang zu haben, war unglaublich. Dort haben wir immer eine Gallone Wasser gekauft, damit wir unterwegs was zu trinken haben. Aber allein der Aufwand und dieses Durstigsein ist schon eine gute Erfahrung.

Hat dich das insgesamt dankbarer werden lassen?

Ich glaub‘, ich bin so schon einigermaßen dankbar und achte darauf, gut mit Wasser umzugehen. Ich denke nicht, dass ich total umgedreht oder geläutert zurückgekommen bin, und eine ganz andere Welteinstellung habe.

Versuchst du auch, Leute in deinem Umfeld für das Thema zu sensibilsieren?

(Zögert) Vielleicht mach‘ ich das ein bisschen, wenn ich im privaten Rahmen Freunden und Bekannten von der Reise erzähle. Aber sicher nicht so predigermäßig mit dem Zeigefinger. Also wenn, dann eher zwischen den Zeilen.

Wie kam eigentlich eure Musik dort an? Ihr habt ja auch Rap-Workshops gegeben.

Überraschend gut! Obwohl natürlich kaum jemand etwas versteht, hat die Energie von Marten und mir so funktioniert, dass auch die Kenianer Bock auf die Mucke hatten. Ganz am Ende beim Konzert gings richtig ab, wir haben das Goethe-Institut zerlegt. Wir sind durchgedreht auf der Bühne, oben ohne, und haben Paul Ripke stagediven lassen (lacht).

Veröffentlicht am 21. Oktober 2014 auf laut.de.