Stuttgart U35

Lesen, um davon zu erzählen

»Du liebst Stammtischparolen, benutzt Bücher am liebsten als Mousepad und findest Vereinsmeierei richtig sexy?« Dann bist du in der u35-Gruppe des Stuttgarter Literaturhauses falsch: Hier treffen sich junge und junggebliebene Bücherbegeisterte, um jeden Monat über ein anderes Werk zu diskutieren, fachsimpeln, rätseln, urteilen, witzeln oder den Kopf zu schütteln. 

Staub kitzelt in der Nase und man spürt, dass es ein warmer Tag war. Am ersten Montagabend im Juli hat ein gutes Dutzend junger Menschen den Weg auf einen Dachboden im Stuttgarter Süden gefunden. Der Anlass? Die toten Seelen von Nikolai Wassiljewitsch Gogol. Dazu gibt es Kirschen und Kuchen, Himbeerlassi und einen Schuss Wodka für die Mutigen. Die etwas ungewöhnlich wirkende Zusammenkunft ist keineswegs spirituellen oder gar kriminellen Ursprungs: Hier geht es nur um Bücher.

Seit ziemlich genau zwei Jahren treffen sich mal sieben oder acht, mal knapp 20 junge Menschen jeden Monat in einem holzgetäfelten Raum im ersten Stock des Literaturhauses. Weil es diesen Sommer renoviert wird, muss eben ein Dachboden oder eine Bierzeltgarnitur im Freien herhalten. Mehr als Lesestoff und Leidenschaft braucht es schließlich nicht – wobei es sich bei Matcha Tee und japanischen Süßigkeiten bekanntlich leichter über Haruki Murakamis Kurzgeschichten sprechen lässt.

Fast alle Treffen beginnen mit einer offenen Blitzlichtrunde; anschließend kann jeder alles sagen, muss es aber nicht. Wer sich mit gequälter Miene an den Deutschunterricht in der Schule zurückerinnert, hat hier nichts zu befürchten. Die Idee zu einem Literaturtreffen für junge Menschen kam Literaturhaus-Leiterin Stefanie Stegmann, die in den ehemaligen Praktikantinnen Sandra Potsch und Verena Ströbele zwei begeisterte Organisatorinnen fand.

Vielseitiger und herausfordernder Austausch

Vor einigen Monaten nahm Elena Oehrlich, Schülerin und jüngstes Mitglied der bunt zusammengewürfelten Gruppe, Ströbeles Platz ein. Zusammen mit Germanistik-Doktorandin Potsch kümmert sie sich seither um das Programm, zu dem neben der zwischen/lese immer auch ein zwischen/stopp gehört. Ob ins Kino, Museum oder die Stuttgarter Oper, zu Ballett im Park oder den Exit-Games, ins Schauwerk Sindelfingen oder das Deutsche Literaturarchiv: Hier steht der Spaß im Vordergrund.

Im Freundes- und Bekanntenkreis jemanden zu finden, mit dem man über das neueste literarische Fundstück oder das ewige Lieblingsbuch plaudern kann, ist gar nicht so einfach. Andere Freizeitbeschäftigungen haben Bücher auf der Beliebtheitsskala längst überholt. Auch deshalb freut es Sandra Potsch besonders, dass keineswegs nur Germanistik-Studierende die Treffen besuchen: So betrachtet jeder die Inhalte aus einem anderen Blickwinkel und kann in Diskussionen vielleicht mit historischem, komparatistischem oder juristischem Fachwissen glänzen.

Dennoch fällt es, besonders bei inhaltlich oder sprachlich anspruchsvollen Werken, manchmal schwer, das Gelesene nicht nur gedanklich zu verarbeiten, sondern sich der Gruppe mitzuteilen; schließlich ist Lesen in erster Linie eine individuelle Beschäftigung, die keinerlei Kommunikation voraussetzt. Mit ein bisschen Übung lässt sich die ungewohnte Situation aber stets meistern – und hinterlässt die wohltuende Gewissheit, die eigene Leidenschaft mit anderen Menschen zu teilen.

Veröffentlicht am 16. Oktober 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.