Die Müllmafia

Diese Kurzgeschichte entstand 2010 im Rahmen eines Wettbewerbs zum Thema „Wilder Müll“. Der Zweckverband Abfall- und Wertstoffeinsammlung für den Landkreis Darmstadt-Dieburg hat sie mit dem 1. Platz und 200 Euro Preisgeld belohnt. Der Beitrag wurde sowohl in einem Sammelband als auch der Lokalzeitung veröffentlicht.

Es war ein schöner Sonntagmorgen und auf den überfüllten Straßen New Yorks war Finn, ein Joghurtbecher mittleren Alters, gerade in einen aufregenden Kampf mit zwei Straßenkatzen verwickelt. Die beiden hatten ihn in einer zugemüllten Sackgasse gefunden und schubsten ihn nun mit ihren Pfoten hin und her wie einen Fußball. Finn wurde schon ganz schwindelig und lange würde er diese Tortur nicht mehr aushalten. Warum konnten ihn die Menschen nicht einfach in eine Tonne oder einen Container werfen, wo er geschützt liegen und sich mit anderen unterhalten konnte? Stattdessen war er einfach in die Ecke geschleudert worden und musste nun um sein Leben bangen, und das alles aus reiner Faulheit seitens der Menschen.

Gerade als Finn dachte, dass es so nicht weitergehen könne, ertönte ein lautes Bellen, das die Straßenstreuner verjagte. Noch mal Glück gehabt. Aber anstatt sich zu freuen, dachte Finn über eine Lösung des Problems nach. Er machte sich grübelnd auf den Nachhauseweg und plötzlich kam er auf die Idee, El Tonno einen kleinen Besuch abzustatten. El Tonno war der Chef des Bezirks, in dem Finn wohnte – der Pate, das Alphatierchen. Eine Bananenschale, die es nach ganz oben geschafft hatte. Zusammen mit seinen Söhnen und mehreren Verbündeten kämpfte er gegen die anderen Familienoberhäupter der Bezirke, doch sie alle hatten einen gemeinsamen Feind: Menschen, die ihren Müll auf die Straße warfen, ohne über die Konsequenzen für dessen Befinden oder die Umwelt nachzudenken.

Finn wurde freundlich von La Tonna, der Frau des Paten, empfangen und trat schließlich in dessen Büro. Sogleich wurde er von dickem Zigarrenrauch und der heiser flüsternden Stimme des Paten eingehüllt. „Was kann ich für dich tun, mein Sohn?“, fragte er und Finn erzählte hastig von seiner Folterung durch die beiden Katzen und die Schuld der Menschen an der Vermüllung der Welt. „Du bist nicht der Erste, der sich darüber beschwert. Ich werde mich darum kümmern, ich verspreche es dir.“ Finn war sehr dankbar und musste dies natürlich mit einer nicht gerade kleine Geldspende beweisen. Geld regiert nun mal die Welt, dies galt auch bei einer sizilianischen Bananenschale.

Sofort rief El Tonno seine Söhne und seinen Adoptivsohn, der als Anwalt der Familien tätig war, zu sich, um sich mit ihnen zu beraten. Sie alle waren sich schnell einig, dass sie das Problem nicht alleine bewältigen können und riefen deshalb noch in dieser Nacht die anderen Oberhäupter der Stadt an, um am nächsten Abend ein Treffen zu organisieren. So kam es, dass sich am darauffolgenden Tag ein Haufen finster dreinblickender Männer im abgelegenen Raum eines eleganten Restaurants einfand. El Tonno eröffnete das Treffen mit einer mitreißenden Rede über die Probleme, die sich bezüglich des Mülls in der Stadt abspielten und erntete zustimmendes Gemurmel von allen Seiten.

Danach entbrannte eine wilde Diskussion über die Lösung dieser Angelegenheit. „Lasst uns doch einfach alle abmetzeln!“, rief El Müllo, eine grobschlächtige und brutal wirkende Milchtüte. „Ich habe da eine bessere Idee …“, ertönte eine leise Stimme, und alle drehten sich erstaunt zu Don Abfall um, der sonst kaum den Mund aufmachte. Er war bekannt für seine diskrete und unauffällige Art zu töten. Bedacht fuhr er fort: „Wir werden es den Menschen heimzahlen, indem wir sämtlichen Müll der Stadt zu einem Streik auffordern. Alle müssen sie sich auf die kalten Straßen und Bürgersteige legen, um den Menschen die Wege zu versperren.“ Eine Sekunde lang herrschte Totenstille im Saal, bis lauter Jubel und Gegröle ausbrach. „Das ist ein grandioser Einfall, mein Freund!“, stellte El Tonno fest und alle stimmten ihm zu. Bei einigen Gläsern Whiskey wurde der Plan genau besprochen und schließlich brachen alle nach Hause auf, um ihn zu verwirklichen.

Millionen von Flugblättern wurden gedruckt und in der ganzen Stadt an den Müll verteilt, es wurde eine Anzeige in der ‚Abfall Times‘ aufgegeben und auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhren alle von dem großen Streik. Jeder wurde aufgefordert, sein friedliches Dasein aufzugeben und in den Kampf gegen die faulen Menschen zu ziehen. Freitagmorgens war es dann endlich soweit. Als die Leute aus ihren Häusern Apartments traten, wollten sie ihren Augen nicht trauen. Müllberge, soweit das Auge reichte. Auf den Straßen, den Gehwegen, den Straßenbahnschienen, einfach überall: meterhohe Stapel Abfall. Mitten auf der 5th Avenue lag El Tonno, eingequetscht zwischen einem Toastbrot und einem kaputten Handy. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst am Streik teilzunehmen, obwohl er nicht mehr der Jüngste war. Die allgemeine Euphorie um ihn herum, die der Plan von Don Abfall hervorgerufen hatte, war einfach ansteckend.

Doch als es Mittag wurde und die Sonne hoch am Himmel stand, breitete sich Unruhe unter den Müllmassen aus. Überall waren panische Schreie zu hören und plötzlich spürte El Tonno eine große Schaufel unter sich. Zusammen mit den anderen wurde er von einem großen Bagger abtransportiert und vermutlich zu einer Recyclingstation gebracht. Doch mithilfe seiner Macht konnte der Pate sich aus der Menge wühlen und in einem günstigen Moment von der Schaufel des Baggers springen. Er flüchtete sich auf einen Baum und konnte von dort aus unglaublich viele Lastwagen, Bagger und Freiwillige beobachten, die den Müll aus dem Weg räumten.

Der Plan schien zu funktionieren und El Tonno hoffte, die Leute würden sich für immer daran erinnern, und ihren Abfall von nun an ordnungsgemäß in Eimern und Containern entsorgen. Mehr konnten sie nicht dafür tun und zufrieden machte der Pate sich auf den Heimweg, um bei einem guten Essen mit seiner Familie zu feiern. Doch da spürte er einen großen Schatten hinter sich, und ehe er sich nach der Ursache umsehen konnte, hatte ihn die Hand eines kleinen Jungen gepackt und im hohen Bogen in die nächste Mülltonne befördert. Denn so muss es sein.