Han Kangs „Die Vegetarierin“

Über Scham und Begierde, Macht und Obsession

Han Kang: Die Vegetarierin, Aufbau Verlag, Berlin 2016, 190 Seiten, 18,95 €

Wollte man „Die Vegetarierin“ mit einem einzigen Wort beschreiben, trifft es „hypnotisierend“ wohl am ehesten. Schon beim Lesen der ersten paar Seiten beschleicht einen das unangenehme Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt – und kann den Roman kaum noch aus der Hand legen. Dabei handelt es sich bei Yong-Hye und ihrem Ehemann scheinbar um ganz gewöhnliche Leute: leidenschaftslos, aber anständig und pflichtbewusst. Die Eintönigkeit ihrer Beziehung wird erst gefährdet, als die Protagonistin aufgrund eines Traumes beschließt, keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen; in Südkorea eine Art Rebellion, die im Laufe der Handlung immer größere und bedrohlichere Kreise zieht. Auf nüchterne und zugleich mitreißende Art und Weise entwirft Han Kang in drei Teilen die von Obsession und Mystik durchzogene Geschichte.

Jeder Teil wird aus der Perspektive eines anderen Charakters erzählt, wobei sich die Handlung weiterhin um Yong-Hye und ihre rätselhafte Entwicklung dreht. Alles andere als leichte Kost, auch wenn die Intensität des ersten Teils später nicht wieder erreicht wird. „Ein Buch wie ein Mahl: gehaltvoll, überaus sättigend, mit bitterem Abgang“, resümiert der Münchner Merkur treffend. Vergangenes Jahr wurde es mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet und zog die Aufmerksamkeit des Feuilletons auf sich. Ein echter Überraschungserfolg für die 1970 geborene Autorin, die derzeit kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul lehrt. Ob Han Kang den Schülerinnen und Schülern vermitteln kann, wie man die Abgründe der menschlichen Seele auf Papier bannt, ist fraglich. Ihr Roman „Die Vegetarierin“ jedenfalls beschäftigt den Lesenden mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch dann, wenn er längst wieder im Regal steht.

Veröffentlicht am 2. Oktober 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.