Gutachten

Katie Hale – Mein Name ist Monster
übersetzt von Eva Kemper, 359 Seiten

Originalausgabe: My name is monster, Canongate Books Ltd.
Juni 2019, 320 Seiten, Broschur 14,4 x 22 cm, 10,98 € 

INHALT

Ein Krieg und eine verheerende Krankheit haben die schottische Bevölkerung vollständig ausgelöscht. Nur Monster hat die Katastrophe überlebt und macht sich zu Fuß auf den einen Weg ohne richtiges Ziel. Die wenigen Menschen, die ihr nahe standen, sind tot, die Städte und Häuser zerstört oder geplündert, die Nahrungsmittel knapp. Allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es der Protagonistin, sich anzupassen und etwas aufzubauen, das einem gewöhnlichen Leben ähnelt. Eines Tages entdeckt sie, dass sie nicht die einzige Überlebende ist: Monster findet ein verwahrlostes Mädchen, benennt es nach sich selbst und gibt sich fortan den Namen Mutter. Als solche versucht sie, ihrem Schützling alles beizubringen, was sie kann und weiß – ohne seine Bedürfnisse vollends zu erkennen oder zu verstehen. Es stellt sich heraus, dass Monster schwanger ist; sie hat sich in einer verlassenen Klinik selbst befruchtet, weil sie neues Leben erschaffen wollte. Der Roman endet mit der Geburt ihres Sohnes, den sie Stille tauft. Neben der Frage danach, was eine Frau bzw. eine Mutter auszeichnet, wirft die Romanhandlung eine Reihe weiterer Fragen auf: Was macht einen Ort zu einem Zuhause? Wo liegt die Grenze zwischen Alleinsein und Einsamkeit? Was macht es mit einem Menschen, wenn man ihm einen Namen gibt?

AUTORIN

Mein Name ist Monster ist der Debütroman der schottischen Schriftstellerin Katie Hale. Die 29-Jährige studierte Creative Writing (Lyrik) und Englisch in St. Andrews und London und lebt zurzeit in Cumbria, wo sie unter anderem kreatives Schreiben an Schulen lehrt. Ihre Gedichte erschienen in diversen nationalen Publikationen und wurden mit Nachwuchspreisen ausgezeichnet. Hale erhielt Förderungsstipendien als Writer in Residence u. a. in Brüssel und war 2017 eine von zwölf Autor*innen, die von Penguin Random House als Mentorin für ein Förderprogramm für literarische Nachwuchstalente gewählt wurden.

VERLAG

Canongate Books Limited ist ein unabhängiger Literaturverlag mit Sitz im schottischen Edinburgh. Sein größter Erfolg gelang dem Verlag mit der Veröffentlichung von Life of Pi im Jahr 2002, für das Autor Yann Martel den Booker Prize erhielt. Die deutsche Übersetzung erschien ein Jahr später bei S. Fischer. Der Verlag reklamiert für sich, unorthodoxe und innovative Werke zu veröffentlichen, u. a. von Leonard Cohen, Charles Bukowski und dem deutschen Schriftsteller Sten Nadolny (Die Entdeckung der Langsamkeit).

BEURTEILUNG

Die Ausgangsposition des Romans ist nicht nur literarisch altbekannt und wird vom einleitenden Zitat aus Defoes Robinson Crusoe schon angedeutet: Weil sich eine Katastrophe ereignet hat, muss die Protagonistin, die ein zivilisiertes und einigermaßen behütetes Leben gewohnt ist, auf sich alleine gestellt ums Überleben kämpfen. Dazu gehört zunächst die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse: Lebensmittel, wärmende Kleidung, Werkzeuge, aber auch das Fernhalten einer nicht näher erläuterten Krankheit. »Krankheit« und »Krieg« sind die Ursachen für die Situation, in der sich Monster wiederfindet. Nähere Details erfährt der Leser nicht, die Autorin belässt es bei zahlreichen vagen Andeutungen – zwar ist eine Erklärung für die Romanhandlung nicht zwingend notwendig, andererseits wird das gleich zu Beginn aufkeimende Interesse nicht befriedigt und sorgt an manchen Stellen eher für Frustration.

Der starke Einstieg lässt vermuten, es handle sich um einen Science-Fiction-Roman; stattdessen dämmert dem Leser wesentlich später, dass dieses Setting gewählt wurde, damit die Autorin sich allein den beiden Protagonistinnen widmen kann, insbesondere der älteren Monster. Im ersten Teil begleiten wird sie auf ihrer mühseligen Wanderschaft und erfahren in zahlreichen Rückblenden viel über ihre Vergangenheit. Im Fokus stehen das angespannte Verhältnis zur Mutter, die Begeisterung für technische Erfindungen, die selbstgewählte Isolation und das Gefühl, anders zu sein als alle anderen. Diese zentralen Themen bergen eine Menge Potenzial, das von der Autorin aber nicht ausgeschöpft oder vielmehr verschenkt wird, indem sie immer wieder verschiedene Anekdoten einflicht, die im Grunde aber nur Varianten desselben Inhalts sind; die eigenen Handlungen werden von der eher eindimensionalen Protagonistin kaum reflektiert, sodass zwischen ihr und dem Leser eine Distanz bleibt. Auch ziehen die zahlreichen Wiederholungen den Roman stellenweise unnötig in die Länge.

Monster wirkt von Beginn an entschlossen, zäh und kämpferisch – Eigenschaften, die häufig männlichen Protagonisten zugeschrieben werden. Seit ihrer Kindheit entzieht sie sich gesellschaftlichen Erwartungen an Mädchen und später an Frauen. Dabei handelt es sich zwar um ein für gegenwärtige Leser*innen relevantes Thema, dennoch wünscht man sich, dass die Autorin es etwas subtiler verarbeitet hätte. Einer Frau männlich konnotierte Eigenschaften zuzuschreiben und sie später doch die gesellschaftlich erwarteten »Muttergefühle« entwickeln zu lassen, reicht nicht aus, um Mein Name ist Monster zu einem modernen feministischen Roman zu machen, als der das Buch in Großbritannien verkauft wird. Die durchaus spannenden Genderfragen, die es aufwirft (z. B. S. 119: »Manchmal frage ich mich, ob ich mich noch als Frau bezeichnen kann, obwohl ich nicht mehr blute. Dann überlege ich, ob ich mich je als Frau gesehen habe. Und dann fällt mir ein, dass es sowieso keine Frauen mehr gibt und auch keine Männer, also wieso sollte das wichtig sein?«), werden nur unzureichend beantwortet.

Der Roman liest sich flüssig und der lebendige Schreibstil der Autorin sorgt dafür, dass sich der Leser sofort in die erschaffene Welt hineinversetzen und sie in allen Details vor dem inneren Auge visualisieren kann. Szenen wie jene, in denen die Protagonistin aus Nahrungsmitteln einen »Überlebenskalender« erstellt oder sich als Kind die Haare abschneidet und sich zum ersten Mal schön findet, sind so charmant wie originell. Auch der Wechsel der Erzählstimmen hin zu der sich selbst stärker reflektierenden jüngeren Monster ist ein geschickter Schachzug, der einen anderen Blickwinkel auf die Protagonistinnen erlaubt.

Mein Name ist Monster ist dem populären Realismus zuzuordnen: Es spielt mit bekannten Topoi, ermöglicht inhaltlich wie sprachlich ein niedrigschwelliges Einfühlen und Miterleben; wie der Klappentext der Originalausgabe schon verrät, bedient sich der Roman Motiven literarischer Weltklassiker wie eben Robinson Crusoe oder auch Mary Shelleys Frankenstein, ohne auch nur ansatzweise an sie heranzureichen – was man von einem Debüt freilich kaum erwarten kann. Der Roman befriedigt das gewachsene Bedürfnis nach starken, unabhängigen Protagonistinnen und spricht mit seinem Science-Fiction-Setting auf der einen und der Thematisierung von Weiblichkeit und Mutterschaft auf der anderen Seite voraussichtlich eine breite, wenn auch überwiegend weibliche Leserschaft an.

Die englische Originalausgabe wird von Amazon in den Kategorien Gegenwartsliteratur und Coming-of-Age-Romane geführt. Die obenstehende Beurteilung wirft in der Tat die Frage auf, ob sich der Roman nicht wesentlich glaubwürdiger als Jugendbuch – wenn auch explizit geeignet für erwachsene Leser mit Interesse an Unterhaltungsliteratur – verkaufen und vermarkten lassen würde. Als solcher fallen die genannten Kritikpunkte kaum ins Gewicht. Den Ansprüchen des S. Fischer Verlages an Gegenwartsliteratur wird Mein Name ist Monster jedoch nicht gerecht. Stattdessen wird die Weiterleitung des übersetzten Manuskripts an das verlagsinterne Lektorat All Age / Jugendbuch empfohlen.