Entschleunigung als Fortschritt

Vor lauter Arbeit, Aufgaben und Alltagsstress haben viele Menschen das Gefühl, die wirklich wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen zu verlieren. Sich bewusst für ein entschleunigtes Dasein zu entscheiden, hat mit Trägheit oder gar Phlegmatismus wenig zu tun. Die Devise lautet schlichtweg: Leben in angemessener Geschwindigkeit.

Hast und Hektik den Kampf ansagen

Muss es immer schneller, höher, weiter gehen? Ist Zeit wirklich Geld? Und wer hat eigentlich an der Uhr gedreht? Drei Fragen, die alle dasselbe Gefühl ausdrücken: als sitze man in einem Karussell, das sich unaufhörlich weiterdreht, Runde um Runde rotiert es um die eigene Achse und das eigene Leben rauscht nur so an einem vorbei, bis man vor lauter Geschwindigkeit den Kopf verliert. Oder sich übergeben muss. Warum nicht einfach abspringen? Weil wir in einer Welt leben, in der sich alles permanent verändert und weiterentwickelt, und kein Mensch abgehängt werden will. So weit, so simpel.

„Du wirst akzeptiert, wenn du funktionierst, du brauchst ein genormtes Leben! Jeder springt im Zickzack, alles muss sich lohn‘ – das ist der Herzschlag der Zivilisation“, singt die Heidelberger Band Irie Révoltés. Rasante wirtschafts- und sozialpolitische Entwicklungen innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte stellen Industriegesellschaften vor so manches Problem und führen letztlich zu einer übersteigerten Kultivierung bloßer Effizienz. Rundum perfekte Resultate in möglichst kurzer Zeit erwarten nicht nur Arbeitgeber und soziales Umfeld, sondern ein jeder von sich selbst. Parallel dazu steigt die Anzahl potenzieller, im besten Fall natürlich selbstoptimierender Freizeitaktivitäten. Übersteigerte Ansprüche, fremde wie die eigenen, schleichen sich bis in die letzten Winkel des Alltags und geben fortan den Ton an. Durchatmen? Fehlanzeige.

 Vom Müßiggang zur Todsünde

Die Weltgesundheitsorganisation erklärt Stress zu einer der größten Gefahren unserer Zeit und geht davon aus, dass im Jahr 2020 jede zweite Krankmeldung auf ihn zurückzuführen sein wird. Typische Warnsignale wie schnelle Ermüdung und Gereiztheit, das Nachlassen von Motivation und Kreativität sowie eine hohe Infektanfälligkeit werden laut WHO zunehmend missachtet und begünstigen das Risiko eines Burnouts. Wie also dem steigenden Druck entgegenwirken? Alles hinschmeißen und einen Neubeginn wagen klingt für viele zwar tollkühn oder wildromantisch, aber nicht nach einer ernstzunehmenden Option – und hier kommt die Entschleunigung ins Spiel: Mit dem bewussten Entgegentreten beschleunigender Tendenzen geht nicht automatisch das Drosseln der zuvor gewohnten Geschwindigkeit einher. Rückwärtsgewandtheit und Konservatismus gehören also in eine andere Schublade.

Während Entschleunigung als positiv konnotiert gilt, ist der wesensverwandte Müßiggang sprichwörtlich aller Laster Anfang. Søren Kierkegaard, ein dänischer Philosoph, sieht das etwas anders: „An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“ Denn wo Langeweile herrscht, ist Trägheit nicht weit, und die zählt – aus theologischer Sicht – zu den sieben Wegbereitern für eine Todsünde. Gar nicht so einfach also, hier eine klare Linie zu ziehen. Fest steht aber: In einer hochtechnisierten Ära, wie wir sie in weiten Teilen der Erde bereits erleben, verkommt Zeit zur bloßen Ressource. Bei aller Begrenztheit hat sie anderen Rohstoffen jedoch eines voraus: Sie ist vollkommen individuell einsetzbar.

Angemessen gegensteuern

Wer sein Leben bewusst entschleunigt, nimmt sich nicht nur angemessen viel Zeit für alles, was erledigt werden muss, sondern verleiht den Dingen, die er wirklich tun möchte, das Prädikat „Unverzichtbar“. Geliebten Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken, die ganze Welt bereisen oder ehrenamtlich tätig sein? So ambitioniert muss es gar nicht sein. Fünf Staffeln der Lieblingsserie an nur einem Wochenende, ein Kalligraphiekurs an der Volkshochschule oder das langersehnte, zeitaufwendige Haustier – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache, die Entscheidung fällt aus vollkommen freien Stücken. Weil das leichter gesagt als getan ist und ein gesunder Umgang mit Zeit gelernt sein will, steigt die Anzahl einschlägiger Ratgeber: Therapeuten, Bücher oder speziell entwickelte Kursprogramme preisen mannigfaltige Möglichkeiten an, um den Energie- und Stoffumsatz des Körpers zu verringern.

Slow Food etwa, der genussvolle und regionale Gegenentwurf zu Fast Food, dürfte inzwischen jedem bekannt sein; unter Slow Travel können sich die meisten ebenfalls etwas vorstellen. Was aber hat es mit Cittaslow oder Slowretail auf sich? Im Grunde dasselbe, nur in anderen Lebensbereichen: Eine Cittaslow ist laut betreffendem Manifest eine Stadt, „in der Menschen leben, die neugierig auf die wieder gefundene Zeit sind, die reich ist an Plätzen, Theatern, Geschäften, Cafés, Restaurants, Orten voller Geist […], wo der Mensch noch das Langsame anerkennt“. Slow Retail, also der langsame Einzelhandel, fordert und fördert inhabergeführte Läden mit Individualität und Persönlichkeit, kurz gesagt: Einzelhandel mit Seele.

Nur nichts überstürzen

Die Möglichkeiten zur Entschleunigung sind so vielseitig wie wir Menschen. Sie können von jetzt auf gleich angewandt, individuell interpretiert und je nach Bedürfnis abgewandelt oder sogar komplett umgekrempelt werden. Nur eines sollten sie nicht: zur Belastung werden. Menschen, die an permanente Hektik und Hast gewohnt sind, laufen schnell Gefahr, auch vermeintlich gegensteuernde Maßnahmen zu hartnäckig und möglichst effizient anzugehen. Da beißt sich dann die Katze in den Schwanz. Wie so oft kann man sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Das wusste schon der deutsche Schriftsteller Michael Ende: In seinem 1973 veröffentlichten Roman „Momo“ liegt die Macht über die Gegenwart in den Händen der grauen Herren; diabolischen Zeitdieben, die der Menschheit immer neue Maßnahmen zur Zeitersparnis aufzwingen.

Ohne eine Zigarre aus verwelkten Blütenblättern der Stundenblume im Mund können sie nicht überleben. Als natürliche Feinde betrachten sie, wer hätte es gedacht, ausgerechnet Kinder: weil sie im Hier und Jetzt leben, sich Zeitzwängen höchstens widerspenstig unterwerfen und nie auf die Idee kommen würden, einen Terminkalender zu führen. Und obwohl sie, im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen, nur selten Verantwortung tragen oder Verpflichtungen haben, regt ihre unbeschwerte Art zum Grübeln an. Denn eines ist sicher: Für das Nachdenken über die Zeit und wie wir mit ihr umgehen, sollte man sich immer wieder Zeit nehmen.

Veröffentlicht am 30. Dezember 2016 in der Straßenzeitung Trott-war.