Die Entstehung des Wahl-O-Mat

Du hast die Wahl!

Laut Duden ist der Wahl-O-Mat ein »elektronisches Programm, mit dem man seine Übereinstimmung mit politischen Parteien testen kann«. Dass die digitale Entscheidungshilfe im populärsten deutschsprachigen Wörterbuch auftaucht, spricht für sich. Doch wie entsteht so ein Wahl-O-Mat eigentlich? Die Autorin hat an der Version für die anstehende Bundestagswahl mitgearbeitet.

Achtzig präzise, leicht verständliche und absolut eindeutige Aussagen formulieren – was nach einer recht simplen Aufgabe klingt, entpuppt sich im Laufe des dreitägigen Workshops als echte Herausforderung. An einem sonnigen Juniwochenende trafen sich 26 junge Menschen aus allen Ecken des Landes in Bonn, um gemeinsam mit Politikwissenschaftlern, Expertinnen und Verantwortlichen der Bundeszentrale für politische Bildung die Thesen für den Wahl-O-Mat zu erarbeiten.

Wie das Online-Tool funktioniert, ist schnell erklärt: Die Nutzenden können alle 38 Thesen mit »stimme zu«, »stimme nicht zu«, »neutral« oder »These überspringen« beantworten. Was ihnen besonders wichtig ist, können sie anschließend per Mausklick doppelt gewichten. Nur wenige Augenblicke später spuckt der Wahl-O-Mat seine Berechnungen aus: Wie sehr überschneiden sich die eigenen Antworten mit denen der Parteien? Und wie begründen sie ihre Ansichten?

Der Prototyp des Wahl-O-Mat, der sogenannte StemWijzer, stammt aus den Niederlanden. Zur Wahl des Deutschen Bundestages im Jahr 2002 erwarb die Bundeszentrale für politische Bildung die Lizenz, um ihn auch hierzulande einzusetzen – bei rund 3,6 Millionen Nutzungen ist es nur logisch, dass anschließend Versionen zu zahlreichen EU-Parlaments- und Landtagswahlen entstehen. Inzwischen ist das Online-Angebot vielerorts fester Bestandteil des Politikunterrichts und auch als Smartphone-App verfügbar.

Diskutieren, abstimmen, auswählen

Abgesehen vom politischen Interesse haben die aus über 500 Bewerbenden ausgewählten Redakteurinnen und Redakteure scheinbar nur wenig gemeinsam: Studierende und Auszubildende, eine Schülerin, Bundesfreiwillige und Berufseinsteiger aus den verschiedensten Bereichen kleiden die wichtigsten Punkte aus den Partei- und Wahlprogrammen in 80 knackige Thesen. Dazu »brainstormen« die Mitwirkenden zunächst in thematischen Kleingruppen.

Welche Themen spielen im Wahlkampf eine zentrale Rolle? Anhand welcher Thesen lassen sich die Parteienspektren gut voneinander abgrenzen? Welche Forderungen lösen eine Kontroverse aus? Weitaus schwieriger gestalten sich aber das anschließende Formulieren und Aussortieren: angeregte Diskussionen im Plenum und den Kleingruppen, zahlreiche Abstimmungen und die eine oder andere Kaffeepause sind nötig, um diese Hürde zu überwinden.

Am Sonntagnachmittag ist es geschafft: 80 Thesen hängen fein säuberlich sortiert an fünf großen Stellwänden. Digital werden sie den Parteien nun zur Beantwortung gesendet. Nach einem eintägigen Auswahlworkshop in Bonn bleiben die finalen 38 Thesen für den Wahl-O-Mat übrig. Programmierung, einige Tests und eine Prise Aufregung später geht er rund drei Wochen vor der Bundestagswahl online – und ist bei all der Arbeit, die darin steckt, ein spielerisches und kompaktes Angebot für alle, die sich nicht durch ausufernde Wahlprogramme wälzen wollen.

Veröffentlicht am 1. September 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.