Die Unschärfe der Welt

Kunstvoll-poetisch verknüpfte Familienbande

Iris Wolff erzählt in Die Unschärfe der Welt die Geschichte einer Familie aus dem südosteuropäischen Banat anhand von vier Generationen, aus sieben Blickwinkeln und über (einstmalige) Ländergrenzen hinweg – ein breites Panorama auf kaum mehr als 200 Seiten.

Identität ist kein unveränderliches Konstrukt, sondern wird unablässig geformt von gesellschaftlichen Umständen, Orten, aber vor allem von den Menschen, die uns beständig umkreisen, über längere Zeit begleiten oder nur üchtig streifen. So könnte die Erkenntnis lauten, mit der Iris Wolffs Roman Die Unschärfe der Welt Leserinnen und Leser bereichert.

In sieben Kapiteln erzählt Iris Wolff aus Sicht seiner königstreuen Großmutter Karline, seinem Freund Oz, der gegen einen inneren Drachen kämpft und verliert, den Eltern, seiner Kindheitsfreundin Stana, einem Buchhändler, der den Pfarrhof als ostdeutscher Student besucht hat, und schließlich Samuels Tochter. Indem Erzählperspektive und Zeitebene beständig wechseln, entsteht ein Kaleidoskop miteinander verwobener Schicksale. Die Charaktere changieren zwischen Verlust und Neuanfang, Entfremdung und Zusammenhalt, Schwermut und Leichtigkeit.

Obwohl ihre Lebenswege vom rumänischen Sozialismus und dem Zusammenbrechen des Ostblocks geprägt sind und obwohl gewichtige Themen wie Flucht und Vertreibung, ethnische Vielfalt, Mehrsprachigkeit und Heimatverlust zwischen den Zeilen anklingen, ist Die Unschärfe der Welt kein per se politischer Roman. Die Autorin, selbst im Banat geboren und 1985 nach Deutschland emigriert, verhandelt gesellschaftliche Umbrüche als intime Ereignisse im Leben ihrer Figuren. Wolff zeichnet sie mit wenigen Sätzen so bildstark und liebevoll, dass man auch das Nicht-Erzählte mühelos nachemp nden kann. Wo die Sprache endet, können wir die Leerstellen füllen mit universellen Erfahrungen von Familie und Freundschaft, Sehnsucht, Liebe und Zusammenhalt. Die Sätze von Iris Wolff schwingen und pulsieren sanft, Tragödien und Verfehlungen fasst sie in poetische Sprachbilder.

Die Unschärfe der Welt war 2020 für den Deutschen Buchpreis no- miniert, im April dieses Jahres wird die Schriftstellerin zudem mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für ihr bisheriges Gesamtwerk geehrt — weil es ihr gelinge, so die Jury, »das geradezu verschwörerische, abenteuerliche und märchenhafte Miteinander im Alltag der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben anhand von Familiengeschichten au eben zu lassen«. Märchenhaft und manchmal zu schön, um wahr zu sein – dieser leise und doch intensive Roman hat seine ganz eigene Wahrheit.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt, Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 216 Seiten, 20,00 €. Erschienen in Ausgabe 2/2021.