Die Unschärfe der Welt

Kunstvoll-poetisch verknüpfte Familienbande

Iris Wolff erzählt in Die Unschärfe der Welt die Geschichte einer Familie aus dem südosteuropäischen Banat anhand von vier Generationen, aus sieben Blickwinkeln und über (einstmalige) Ländergrenzen hinweg – ein breites Panorama auf kaum mehr als 200 Seiten.

Identität ist kein unveränderliches Konstrukt, sondern wird unablässig geformt von gesellschaftlichen Umständen, Orten, aber vor allem von den Menschen, die uns beständig umkreisen, über längere Zeit begleiten oder nur üchtig streifen. So könnte die Erkenntnis lauten, mit der Iris Wolffs Roman Die Unschärfe der Welt Leserinnen und Leser bereichert.

In sieben Kapiteln erzählt Iris Wolff aus Sicht seiner königstreuen Großmutter Karline, seinem Freund Oz, der gegen einen inneren Drachen kämpft und verliert, den Eltern, seiner Kindheitsfreundin Stana, einem Buchhändler, der den Pfarrhof als ostdeutscher Student besucht hat, und schließlich Samuels Tochter. Indem Erzählperspektive und Zeitebene beständig wechseln, entsteht ein Kaleidoskop miteinander verwobener Schicksale. Die Charaktere changieren zwischen Verlust und Neuanfang, Entfremdung und Zusammenhalt, Schwermut und Leichtigkeit.

Obwohl ihre Lebenswege vom rumänischen Sozialismus und dem Zusammenbrechen des Ostblocks geprägt sind und obwohl gewichtige Themen wie Flucht und Vertreibung, ethnische Vielfalt, Mehrsprachigkeit und Heimatverlust zwischen den Zeilen anklingen, ist Die Unschärfe der Welt kein per se politischer Roman. Die Autorin, selbst im Banat geboren und 1985 nach Deutschland emigriert, verhandelt gesellschaftliche Umbrüche als intime Ereignisse im Leben ihrer Figuren. Wolff zeichnet sie mit wenigen Sätzen so bildstark und liebevoll, dass man auch das Nicht-Erzählte mühelos nachemp nden kann. Wo die Sprache endet, können wir die Leerstellen füllen mit universellen Erfahrungen von Familie und Freundschaft, Sehnsucht, Liebe und Zusammenhalt. Die Sätze von Iris Wolff schwingen und pulsieren sanft, Tragödien und Verfehlungen fasst sie in poetische Sprachbilder.

Die Unschärfe der Welt war 2020 für den Deutschen Buchpreis no- miniert, im April dieses Jahres wird die Schriftstellerin zudem mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für ihr bisheriges Gesamtwerk geehrt — weil es ihr gelinge, so die Jury, »das geradezu verschwörerische, abenteuerliche und märchenhafte Miteinander im Alltag der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben anhand von Familiengeschichten au eben zu lassen«. Märchenhaft und manchmal zu schön, um wahr zu sein – dieser leise und doch intensive Roman hat seine ganz eigene Wahrheit.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt, Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 216 Seiten, 20,00 €. Erschienen in Ausgabe 2/2021.

Die Bagage

Kunstvoll komponierte Herkunftsgeschichte

Monika Helfer: Die Bagage, Carl Hanser Verlag, München 2020, 160 Seiten, 19,00 €

Die Kinderspiele, ein Ölgemälde des niederländischen Künstlers Pieter Bruegel dem Älteren, zeigt eine Schar spielender Kinder, die emotionale Bandbreite reicht von still und in sich gekehrt bis ruhelos und aggressiv. Als Monika Helfer das Bild im Kunsthistorischen Museum Wien betrachtet, muss sie lachen: „… da standen sie alle, die ganze Bagage, sie tollten über das Bild hinweg, lachten und greinten und johlten sich zu oder tuschelten …“. Die „Bagage“, das ist Monika Helfers Familie. Im gleichnamigen Roman, der Anfang des Jahres bei Hanser erschienen ist, setzt sie ihren Vorfahren ein literarisches Denkmal. Aber keines, das die blinden Flecken, Trübsal und Tragödie außen vor lässt. Maria und Josef Moosbrugger, Helfers Großeltern, leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Rande eines kleinen Dorfs in den Bergen. Maria bringt sieben Kinder zur Welt, vier Jungen und drei Mädchen. Während des Ersten Weltkriegs, ihr Ehemann kämpft gerade an der Front, wird Margarethe geboren, die Mutter der Autorin. Josef soll zeit seines Lebens kein Wort mit ihr gesprochen haben.

Schon auf den ersten zwei Seiten entfaltet Helfer die volle Wucht ihrer tragisch-verschrobenen Familiengeschichte: „Das Mädchen legt sich nicht zwischen die Eltern, es legt sich an den Rand des Bettes. Es muss festgehalten werden, damit es nicht herausfällt, hinunter auf den Boden …“. Während Josefs Abwesenheit muss sich die bildschöne Maria nicht nur den schamlosen Bürgermeister vom Leib halten, sie kämpft auch mit ihrer aufkeimenden Leidenschaft für den durchreisenden Georg. Sehr subtil verhandelt die 1947 geborene Schriftstellerin weibliche Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter: Reiß dich zusammen! Sei nicht so lebhaft! Trink nicht und rauch nicht!, schleudert man den Protagonistinnen entgegen. Marias Schönheit gilt noch in den nachkommenden Generationen als Fluch und weckt ihrerzeit die Missgunst der Dorfbewohnerinnen; unverhohlen rätselt und tratscht man während des Krieges über ihren wachsenden Schwangerschaftsbauch. Die Abhängigkeit ihrer Frauenfiguren erschien Monika Helfer beim Schreiben besonders interessant: „Wenn wir von Abhängigkeit sprechen, denken wir zuerst an Schwäche. Diese Frauen aber waren nicht schwach. Josef ist eigentlich ein schwacher Mann, Maria keine schwache Frau. Aber es gilt in ihrer Welt das Männliche. Das Männliche heißt oft Gewalt“, schildert sie in einem Interview. So bleibt der als eigenwillig und impulsiv charakterisierte Josef auch während seines Fronteinsatzes immer präsent und schlüpft nach seiner Rückkehr wie selbstverständlich erneut in die Rolle des Familienoberhaupts. Nie verliert er ein Wort über das Erlebte oder die zwielichtigen Geschäfte, mit denen er seine Familie über Wasser hält. Obwohl er im Krieg „das Schmusen verlernt“ hat, zeugen Josef und Maria zwei weitere Kinder. Von Geburt an Außenseiter, benehmen sich vor allem die Ältesten, Hermann und Lorenz, mehr wie kleine Erwachsene, sind besonders ihrer Mutter Stütze und Beschützer. Die teils turbulenten Lebensgeschichten ihrer Tanten und Onkel flicht Monika Helfer oft anekdotisch in die Handlung ein, leichtfüßig changiert sie dabei zwischen den Zeitebenen.

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter Margarethe wuchs die Österreicherin bei deren Schwester, Tante Kathe, auf, die erst mit weit über 90 Jahren vieles von dem preisgab, was später den Stoff des Familienmemoires bildete. Helfer macht keinen Hehl daraus, dass dessen Handlung nicht immer der Wahrheit entspricht, durch hundertfaches Wiederzählen verzerrt wurde und Geschichten immer beeinflusst werden von dem, der sie erzählt – besonders, wenn es um die eigene Herkunft geht: „So stelle ich mir vor – so möchte ich mir vorstellen …“. Elegant nutzt die Schriftstellerin Leerstellen, um zu imaginieren oder auszuschmücken, ergründet familiär verankerte Rituale und Redewendungen, verdichtet und vertauscht. Mit zärtlicher Neugierde nähert sie sich ihrem Sujet und nimmt sich selbst so weit als möglich zurück. Stets kreist das Geschriebene um die Frage, wie schwer das emotionale Gepäck unserer Vorfahren eigentlich wiegt. Oder mit Helfers Worten: Wann und wo endet die Bagage? „Beinahe alle, über die ich schreibe, liegen unter der Erde“, heißt es beinahe am Schluss des schmalen Romans. In diesem letzten Absatz über ihre Tochter Paula, die mit nur 21 Jahren tödlich verunglückte, beweist Monika Helfer noch einmal eindrücklich, dass es für große Gefühle nicht immer große Worte braucht.

Saison der Wirbelstürme

Hier wird geflucht, geschlagen, gesoffen und gelitten

Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme, Wagenbach Verlag, Berlin 2019, 240 Seiten, 22,00 €. Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar.

Eigentlich mag ich keine Romane, mit deren Protagonist*innen ich keine Sekunde lang tauschen geschweige denn ihnen je begegnen möchte; solche, in denen sich Sätze über eine ganze Seite erstrecken und man Kapitelüberschriften fast vergeblich sucht – und vor allem, in denen so exzessiv geflucht und noch expliziter gefickt wird. Diesen Roman mag ich trotzdem. Er ist so erbarmungslos und an vielen Stellen ekelerregend, dass Hoffnungen auf ein Happy End gar nicht erst aufkommen. Auch die Charaktere scheinen den Glauben an ein besseres Leben längst begraben zu haben: Multiperspektivisch erzählt Fernanda Melchor vom unerbittlichen Leben in der mexikanischen Provinz La Matosa. Ausgehend vom gewaltsamen Tod der „Hexe“, einer Furcht und Faszination verbreitenden Heilerin, entfaltet die Autorin einen toxischen Sog aus Armut und Aberglaube, Hitze und Hoffnungslosigkeit. Damit ist „Saison der Wirbelstürme“ viel mehr als die mystische Spukgeschichte, die der Klappentext andeutet: ein verzweifelter Wutausbruch ob der Lebensrealität vor allem mexikanischer Frauen und Minderheiten – kurz gesagt: das Gegenteil von Wohlfühl-Literatur.

Einfache Sprache

Literaturhaus Frankfurt: Literatur geht auch verständlich

Hauke Hückstädt hat einen Band mit Literatur in Einfacher Sprache herausgegeben.

Die Folgen der Pandemie erlebten Hauke Hückstädt, der Leiter des Literaturhauses Frankfurt, und sein sechsköpfiges Team als wahre Vollbremsung. Social Distancing als Hemmschuh. Auf Lesungen im Frankfurter Literaturhaus müssen Publikum und Mitarbeitende seit Mitte März vorerst verzichten.

Eine der letzten Veranstaltungen vor dem Lockdown war die Premiere von LiES. Das Buch, das Hückstädt im März herausgegeben hat. Die Anthologie versammelt Texte von namhaften Autorinnen und Autoren wie Judith Hermann, Arno Geiger und Nora Bossong. Das Besondere: Es sind Texte in Einfacher Sprache, die sie auf Einladung des Literaturhauses und der Frankfurter Stabsstelle Inklusion verfasst haben.

Einfache Sprache ist klar und verständlich: kurze Sätze, simple Satzstrukturen, kaum Fremdwörter oder Stilmittel. Sie ermöglicht einem Großteil der Menschen den barrierefreien Zugang zu Informationen – oder eben zu Literatur. Auf diesem Gebiet hätten sie Pionierarbeit geleistet, sagt Hückstädt.

Denn das Programm des Literaturhauses habe bis dato viele Menschen ausgeschlossen. Dabei wolle man ein offenes Haus sein, das alle mitnehme. Die große Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber Literatur in Einfacher Sprache habe ihn allerdings selbst überrascht. Im besten Fall sei LiES für jeden interessant, „sogar für die Vielleser, weil sie daran glauben, dass Sprache das Labor unserer Zukunft ist; dass nichts unmöglich ist mit Sprache.“

Dass Einfache Sprache das Niveau der Literatur senke, sei „eine untragbare Haltung“, findet Hückstädt. Aus seinen Worten klingt gedämpfter Ärger. „Ist das Bauhaus keine Architektur, weil es sich auf einfache Formen verlässt?“ Kunst bestehe aus Regeln und Regelbrüchen. „Wir erheben den scheinbaren Makel, die Einschränkung, zu einem Plus. Literatur in Einfacher Sprache ist Kunst.“

Dabei soll sie klassische Literatur nicht verdrängen, sondern die rund 30 Millionen Menschen in Deutschland ansprechen, die nicht gut lesen könnten. Dieses Angebot sei längst überfällig in einer Branche, die über zunehmenden Leserschwund klage.

Hückstädts Auftrag zum Amtsantritt in Frankfurt vor zehn Jahren war eindeutig: mehr Publikum gewinnen und das Haus öffnen. Diese Offenheit müsse man vorleben: „Man braucht ein weites Herz. Man muss es ernst meinen und sich für sehr viele Sachen interessieren.“ Ein Grundsatz seiner Arbeit laute: das Publikum niemals unterfordern.

Wenn alles gut läuft, öffnet das Literaturhaus Frankfurt am 1. September wieder seine Pforten. Viele der ausgefallenen Lesungen werden nachgeholt: Unter dem Motto #Zweiterfruehling sollen Bücher, die im Frühjahr und Sommer erschienen sind, die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Mehr als hundert Institutionen haben sich der Kampagne des Netzwerks der Literaturhäuser angeschlossen – laut Hückstädt ein „kollektives Hilfspaket, geschnürt aus Kreativität und Solidarität“. Bücher seien schließlich keine Saisonware.

Was er an seiner Arbeit nach Hunderten Veranstaltungen noch aufregend finde? „Ich schaue gerne Menschen beim Denken zu. Wo passiert das denn sonst noch?“

Veröffentlicht am 15. Juli 2020 in der Frankfurter Rundschau.

Toni Morrison

Vielschichtige Handlung mit kleinen Schwächen

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind, Rowohlt, Reinbek 2017, 208 Seiten, 19,95 €

»Für ihre literarische Darstellung einer wichtigen Seite der US- amerikanischen Gesellschaft durch visionäre Kraft und poetische Prägnanz« wurde Toni Morrison 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Energisch und eindrucksvoll widmet sich die 1931 in Ohio geborene Schriftstellerin seit Jahrzehnten den Rassenkon- flikten in den Vereinigten Staaten. Ihr jüngster Roman Gott, hilf dem Kind vermittelt anhand der Geschichte von Lula Ann, dass die Farbe der Haut auch innerhalb der afroamerikanischen Bevölkerung eine wichtige Rolle spielt. »Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte.« – so beschreibt Mutter Sweetness ihre neugeborene Tochter. Nachdem Lula Anns Vater verschwunden ist, erzieht Sweetness sie zu unterwürfigem Gehorsam; sie möchte nicht als Mom oder Mutter angesprochen werden und vermeidet gar die Berührung mit ihrem eigen Fleisch und Blut. Die schwierige Mutter-Kind-Beziehung hinter- lässt bei beiden Frauen tiefe Spuren.

Jedes Kapitel des Buches wird aus der Perspektive eines anderen Charakters erzählt und vermittelt dem Lesenden unterschiedliche Sichtweisen auf die vielschichtige Handlung. Diese beginnt mit Lula Anns Leben als erwachsene Frau, die sich mittlerweile Bride nennt und die Schatten der Vergangenheit erfolgreich hinter sich gelassen hat – zumindest scheinbar. Beim Lesen beschleicht einen zuweilen das Gefühl, dass Morrison mit Gott, hilf dem Kind zu viel wollte: Auf nur 208 Seiten versucht sie, Aspekte von Rassismus, Kindesmissbrauch, Konsumkritik und Feminismus unter einen Hut zu bekommen. Vor diesem Hintergrund fallen die zuweilen klischeehaft konstruierten Charaktere und Dialoge eher negativ ins Gewicht. Dennoch gelingt der 66-jährigen Schriftstellerin ein einfach zu lesender Roman, der dank unvorhergesehener Wendungen und peu à peu aufgedeckter Geheimnisse für Spannung sorgt. Als literarische Krönung einer langen und nahezu beispiellosen Karriere taugt er allerdings kaum.

Veröffentlicht am 1. August 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.

Buchkonzept

Projektskizze für den Ideenwettbewerb gendergerecht!
Buchprojekt: Die Liga der außergewöhnlichen Hessinnen (Arbeitstitel)

Was haben die Gebrüder Grimm mit Rudi Völler, Adam Opel, Johann Wolfgang von Goethe und Hans Zimmer gemeinsam? Erstens: Sie sind berühmt, zum Teil weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Zweitens: Sie sind in Hessen geboren. Und drittens: Sie sind männlich. Wer aber kennt Lotte Specht, Luise Büchner, Elisabeth Schwarzhaupt, Hermione von Preuschen oder Simone Signoret?

Genau das möchte ich mit meinem Projekt ändern: Geplant ist die Herstellung und Publikation eines Buches, das 44 in Hessen geborene Frauen aus ganz verschiedenen Bereichen – darunter Politik, Literatur, Naturwissenschaft, Sport, Wirtschaft und Musik – vorstellt, die es verdienen, gekannt und vielleicht sogar bewundert zu werden. Da ist die Politikerin Elisabeth Selbert, eine der vier sogenannten Mütter des Grundgesetzes; Malerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath; Frauenärztin Kristina Hänel, die kürzlich wegen unerlaubter »Werbung« für Abtreibung verurteilt wurde; die im Vormärz aktive Frauenrechtlerin Luise Dittmar; Spitzen-Unternehmerin Susanne Klatten; die vom NSU 2.0 bedrohte Anwältin Seda Basay-Yildiz; Luftfahrt-Pionierin Käthe Paulus; die in Nepal tätige Entwicklungshelferin Stella Deetjen und viele, viele weitere.

Braucht die Menschheit wirklich noch ein Buch mit gesammelten Biografien beeindruckender Frauen? Spätestens seit dem Überraschungserfolg des 2017 erschienenen, aufwändig illustrierten Kinderbuchs Good Night Stories for Rebel Girls ist auf dem deutschen Buchmarkt eine ganze Reihe ähnlicher Titel erschienen; ursprünglich fast ausschließlich im englischsprachigen Raum publiziert, präsentieren sie sich in der Auswahl der portraitierten Frauen entsprechend anglophil: 100 Frauen, die die Welt verändert haben; Powerfrauen. Was Beyoncé mit Michelle Obama und Anne Frank verbindet; Power Women – Geniale Ideen mutiger Frauen; Furchtlose Frauen, die nach den Sternen greifen, Die einflussreichsten Frauen unserer Zeit, Kick-Ass Women: 52 wahre Heldinnen sowie die Fortsetzung der Good Night Stories.

Was das hier vorgestellte Buch von ihnen unterscheiden soll, ist nicht allein der enge regionale Zuschnitt, sondern auch die Diversität der Erzählformate. Nicht jede Biografie eignet sich, um sie chronologisch zu erzählen oder in einem kurzen Steckbrief zusammenzufassen; nicht jede Lebensleistung lässt sich von einer außenstehenden Person angemessen nacherzählen. Daher habe ich ganz unterschiedliche Formate gewählt, welche die Verschiedenheit der Lebensläufe widerspiegeln. Die Palette der Möglichkeiten umfasst neben den bereits genannten chronologischen Biografien und Steckbriefen unter anderem relevante Auszüge aus Reden und Publikationen der vorgestellten Frau; das detaillierte Nacherzählen einer einzelnen, wegweisenden Episode ihres Lebens; Aussagen von ZeitzeugInnen und Medienschaffenden sowie Interviews mit noch lebenden Protagonistinnen; und nicht zuletzt prägnante und aussagekräftige Fotografien.

Die erste Doppelseite des Buches verzeichnet den Inhalt und enthält neben Namen und entsprechender Seitenzahl einen kurzer Teaser, um unentschlossene LeserInnen von der Relevanz und Besonderheit jedes Portraits zu überzeugen. Dem Verzeichnis folgt ein kurzes Vorwort, in dem ich meine Motivation für dieses Projekt sowie meine Arbeitsziele erläutere. Nach Möglichkeit schließt daran ein weiteres Vorwort einer prominenten Schirmherrin an. Dabei kann es sich um eine der im Buch portraitierten Frauen oder eine frauenpolitische Sprecherin des Hessischen Landtages bzw. Gleichstellungsbeauftragte handeln, welche die Relevanz des Projekts unterstreicht. Daraus resultiert ein Imagegewinn für beide Seiten, der voraussichtlich für erhöhte Aufmerksamkeit auf Seiten der Presse, des Buchhandels und potenzieller KäuferInnen sorgt.

Den beiden Vorwörtern und dem 44 Portraits umfassenden Hauptteil – je nach Textform sind diese zwischen vier und sechs Seiten lang – folgt ein zweiseitiger Epilog, in dem ich die Projektarbeit Revue passieren lasse und den Personen sowie Institutionen danke, die mich bei der Umsetzung unterstützt haben. Anschließend wird den LeserInnen eine zweiseitige Auflistung fiktionaler und nicht-fiktionaler Publikationen rund um das Thema Gleichstellung präsentiert, bevor auf der folgenden Doppelseite die Quellen der für die Recherche verwendeten Literatur und weiteren Medien sowie die Abbildungsnachweise aufgeführt werden. Auf der letzten Seite des Buches finden sich Informationen zur Autorin und der Hochschule Darmstadt als Förderer des Projekts. Insgesamt umfasst die Publikation rund 240 Seiten und entspricht damit einem durchschnittlichen populären Sachbuch.

ARBEITSZIEL

Ziel des Projektes ist das Schreiben und Veröffentlichen eines Buches, dem man jederzeit die Sorgfalt und Mühe anmerkt, die in seine Herstellung investiert wurde. Einige der oben genannten Bücher lassen sowohl inhaltlich als auch sprachlich deutlich erahnen, dass sie im Schnelldurchlauf produziert wurden. Die Frauenportraits des hier vorgestellten Buches bestechen nicht nur durch gründlich recherchierte und viele unbekannte Fakten, sondern bieten den LeserInnen sprachlich wie erzählerisch ein großes Lesevergnügen. Die grafische Gestaltung sorgt dafür, dass man das Buch gerne zur Hand nimmt: Für jedes Portrait ist mindestens eine Farbabbildung vorgesehen; neben einer Fotografie der vorgestellten Frau sind Gestaltungselemente wie freigestellte Zitate, Zeichnungen, Karten, Dokumente und ähnliches vorstellbar.

Da die ausgewählten Frauen so unterschiedliche Leistungen vollbracht haben, kann davon ausgegangen werden, dass jede LeserIn auf mindestens eine für sie oder ihn interessante Lebensgeschichte stößt. Der Zuschnitt auf Hessen spricht insbesondere an Regionalgeschichte interessierte Menschen an, während der feministische Ansatz inzwischen wohl als massentauglich gelten darf und sich die Zielgruppe daher nicht allein auf Frauen beschränkt. Mutmaßlich bilden selbige im Alter zwischen 25 und 55 Jahren dennoch die Kernzielgruppe. Grundsätzlich eignen sich die Texte für LeserInnen ab 14 Jahren und zumindest in Teilen für Angehörige jeder Bildungsschicht – ein gewisses gesellschaftspolitisches Bewusstsein bzw. Interesse darf als vorausgesetzt gelten. Da keine zusammenhängende Geschichte erzählt wird, ist das Buch auch für Menschen attraktiv, die nicht zur Gruppe der Vielleser gehören.

ZEITPLAN

Phase 1: recherchieren

  • Recherche in allen verfügbaren Literatur- und Onlinequellen sowie Besuch von einschlägigen Bibliotheken und Museen (z. B. Luise-Büchner-Bibliothek Darmstadt, Frauenmuseum Wiesbaden)
  • Rechteklärung von abzudruckenden Fremdtexten, z. B. Auszüge aus Publikationen und Reden
  • Kontaktaufnahme zu noch lebenden Protagonistinnen sowie ZeitzeugInnen und Medienschaffenden, ggf. und nach Möglichkeit Führen von Interviews

Phase 2: schreiben

  • Auswahl des jeweils passenden Erzählformats
  • Verfassen von Biografien, Steckbriefen, Episoden etc.
  • Transkription und Textverarbeitung der geführten Interviews
  • Auswahl relevanter Textabschnitte der zur Verfügung stehenden Publikationen und Reden
  • Verfassen von Untertiteln und ggf. Auswahl passender abzudruckender Zitate

Phase 3: bebildern

  • Rechteklärung abzudruckender Fotografien und anderer Dokumente
  • Bildbeschaffung und anschließende Bearbeitung
  • Farb- und Gestaltungskonzept anhand von Wireframes erarbeiten
  • Finale Layout-Erstellung sowie Covergestaltung mit Adobe InDesign CC

Phase 4: fertigstellen

  • Vorwort, Epilog und Autorinneninformation verfassen
  • Inhalts-, Quellen- sowie Literaturverzeichnis anlegen
  • Buchtitel, Untertitel und bibliografische Angaben ergänzen
  • Finale Korrektur und Übergabe der Druckdaten an Druckerei

Phase 5: bekanntmachen

  • Werbetexte verfassen, Leseproben erstellen
  • Landing-Page programmieren und bespielen
  • Kanäle in Sozialen Medien anlegen und bespielen
  • Online-Exemplare an Presse und Buchhandel versenden

Phase 6: veröffentlichen

  • Kontrolle und ggf. Überarbeitung des Vorabexemplars
  • Übernahme der gedruckten Exemplare
  • Vertrieb über Barsortiment, Buchhandel, Büchereien, Hochschule
  • Versand weiterer Exemplare an Medienschaffende und MultiplikatorInnen
  • Offizielle Veröffentlichung am 8. März 2020, dem Internationalen Frauentag

FINANZIERUNG

Eine Kostenkalkulation für das geplante Projekt gestaltet sich aufgrund der Vielzahl von Möglichkeiten äußerst schwierig. Die erste besteht darin, alle im obenstehenden Zeitplan aufgeführten Punkte, abgesehen vom Druck, selbst auszuführen. Die Nachteile hierbei sind zum einen der enorme Arbeitsaufwand und die fehlende Expertise bezüglich der Layout-Erstellung, zum anderen die hohen Kosten: Würde man eine Auflage von 550 Exemplaren im Format 16,5 x 23,5 als Broschur vom in Darmstadt ansässigen Justus von Liebig Verlag drucken lassen, belaufen sich die Kosten auf rund 7.200 Euro netto. Noch teurer gestaltet sich das Vorhaben als Book on Demand, wobei man nur ein Buchexemplar erhält und die übrigen erst gedruckt werden, nachdem sie von KundInnen bestellt wurden. Dies erschwert allein die Marketing- und Vertriebsmaßnahmen derart, dass hiervon im Vorhinein Abstand genommen wird.

Die obenstehende Tabelle orientiert sich an einer verlagsüblichen Kostenkalkulation: Vom Nettoerlös werden zunächst die Herstellkosten abgezogen, die ich an dieser Stelle pauschal so realistisch wie möglich eingeschätzt habe. Davon ausgehend, dass sich alle 500 Exemplare des Buches zum genannten Stückpreis verkaufen, ergibt sich eine Differenz von 3.038,60 Euro, die demnach der Mindestfördersumme entspricht. Einen nicht zu unterschätzenden Kostenpunkt stellt für gewöhnlich das AutorInnenhonorar dar; da es sich hier um ein Hochschulprojekt handelt, sollte die Möglichkeit eines Stipendiums oder etwaigen Literatur- bzw. Kulturförderungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden, um den geplanten Arbeitszeitraum von rund sieben Monaten finanziell zu überbrücken. Ein potenzieller Gewinn wiederum wäre in ähnliche Projekte zu reinvestieren.

Die alternative und von mir favorisierte Möglichkeit besteht darin, ein Exposé sowie Musterseiten des Buches an einen Verlag zu senden. Entschließt sich dieser für die Realisierung, übernimmt er in aller Regel sämtliche Herstellungskosten sowie das AutorInnenhonorar und erhält im Gegenzug die Rechte am Text. In Hessen gibt es eine Reihe von Verlagen, die hierfür in Betracht kommen; darunter der bereits genannte Justus von Liebig Verlag, die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, die unter dem Label Theiss populäre Sachbücher vertreibt, sowie der Frankfurter Societäts-Verlag, der sich unter anderem auf Biografien mit starkem Regionalbezug spezialisiert hat. In diesem Fall kann die Projektfördersumme für die Erstellung der Musterseiten sowie Marketingmaßnahmen verwendet werden, die das Budget des Verlags überschreiten.

ERWARTETE ERGEBNISSE

Wir kennen die Geschichten von Kaisern und Königen, Künstlern und Schriftstellern, Generälen und Diktatoren, Päpsten und Priestern, Wissenschaftlern und Politikern – aber wo sind die Frauen? Die uns bekannte Geschichtsschreibung macht sie weitestgehend unsichtbar: Sie vergisst, vernachlässigt, ignoriert oder missachtet ihre Leistungen, Leidenschaften und Lebenswerke. Geschichte ist eine Rekonstruktion der Vergangenheit und bietet Interpretationsmöglichkeiten für gegenwärtiges und zukünftiges Geschehen. Der feministische Blick ist dabei wesentlich; ohne ihn wird Frauen die Möglichkeit einer kollektiven Identität und eines historischen Bewusstseins genommen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für selbstbestimmtes Denken und Handeln. Die Liga der außergewöhnlichen Hessinnen setzt genau an diesem Punkt an.

Neben dem zu erwartenden Ergebnis, ein Buch zu veröffentlichen, das eine möglichst große Leserschaft anspricht, steht die Sichtbarmachung marginalisierter, jedoch bedeutender Frauen aus dem sowie für das Bundesland Hessen im Mittelpunkt. Ihr Wirken und Schaffen soll die LeserInnen sowohl inhaltlich als auch sprachlich begeistern, ihr regionalhistorisches Interesse wecken und ihren Wissenshorizont in einem Maße erweitern, der über (Online)-Lexikoneinträge und die Standardbiografien aus den oben genannten Publikationen deutlich hinausgeht. Im besten Fall ermutigt das geplante Buch nicht nur dazu, sich mit der Lebensgeschichte weiterer bemerkenswerter Frauen vertraut zu machen, sondern weckt oder verstärkt den Mut, die eigenen Vorstellungen – welcher Art sie auch sein mögen – in die Tat umzusetzen.

Gutachten

Katie Hale – Mein Name ist Monster
übersetzt von Eva Kemper, 359 Seiten

Originalausgabe: My name is monster, Canongate Books Ltd.
Juni 2019, 320 Seiten, Broschur 14,4 x 22 cm, 10,98 € 

INHALT

Ein Krieg und eine verheerende Krankheit haben die schottische Bevölkerung vollständig ausgelöscht. Nur Monster hat die Katastrophe überlebt und macht sich zu Fuß auf den einen Weg ohne richtiges Ziel. Die wenigen Menschen, die ihr nahe standen, sind tot, die Städte und Häuser zerstört oder geplündert, die Nahrungsmittel knapp. Allen Widrigkeiten zum Trotz gelingt es der Protagonistin, sich anzupassen und etwas aufzubauen, das einem gewöhnlichen Leben ähnelt. Eines Tages entdeckt sie, dass sie nicht die einzige Überlebende ist: Monster findet ein verwahrlostes Mädchen, benennt es nach sich selbst und gibt sich fortan den Namen Mutter. Als solche versucht sie, ihrem Schützling alles beizubringen, was sie kann und weiß – ohne seine Bedürfnisse vollends zu erkennen oder zu verstehen. Es stellt sich heraus, dass Monster schwanger ist; sie hat sich in einer verlassenen Klinik selbst befruchtet, weil sie neues Leben erschaffen wollte. Der Roman endet mit der Geburt ihres Sohnes, den sie Stille tauft. Neben der Frage danach, was eine Frau bzw. eine Mutter auszeichnet, wirft die Romanhandlung eine Reihe weiterer Fragen auf: Was macht einen Ort zu einem Zuhause? Wo liegt die Grenze zwischen Alleinsein und Einsamkeit? Was macht es mit einem Menschen, wenn man ihm einen Namen gibt?

AUTORIN

Mein Name ist Monster ist der Debütroman der schottischen Schriftstellerin Katie Hale. Die 29-Jährige studierte Creative Writing (Lyrik) und Englisch in St. Andrews und London und lebt zurzeit in Cumbria, wo sie unter anderem kreatives Schreiben an Schulen lehrt. Ihre Gedichte erschienen in diversen nationalen Publikationen und wurden mit Nachwuchspreisen ausgezeichnet. Hale erhielt Förderungsstipendien als Writer in Residence u. a. in Brüssel und war 2017 eine von zwölf Autor*innen, die von Penguin Random House als Mentorin für ein Förderprogramm für literarische Nachwuchstalente gewählt wurden.

VERLAG

Canongate Books Limited ist ein unabhängiger Literaturverlag mit Sitz im schottischen Edinburgh. Sein größter Erfolg gelang dem Verlag mit der Veröffentlichung von Life of Pi im Jahr 2002, für das Autor Yann Martel den Booker Prize erhielt. Die deutsche Übersetzung erschien ein Jahr später bei S. Fischer. Der Verlag reklamiert für sich, unorthodoxe und innovative Werke zu veröffentlichen, u. a. von Leonard Cohen, Charles Bukowski und dem deutschen Schriftsteller Sten Nadolny (Die Entdeckung der Langsamkeit).

BEURTEILUNG

Die Ausgangsposition des Romans ist nicht nur literarisch altbekannt und wird vom einleitenden Zitat aus Defoes Robinson Crusoe schon angedeutet: Weil sich eine Katastrophe ereignet hat, muss die Protagonistin, die ein zivilisiertes und einigermaßen behütetes Leben gewohnt ist, auf sich alleine gestellt ums Überleben kämpfen. Dazu gehört zunächst die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse: Lebensmittel, wärmende Kleidung, Werkzeuge, aber auch das Fernhalten einer nicht näher erläuterten Krankheit. »Krankheit« und »Krieg« sind die Ursachen für die Situation, in der sich Monster wiederfindet. Nähere Details erfährt der Leser nicht, die Autorin belässt es bei zahlreichen vagen Andeutungen – zwar ist eine Erklärung für die Romanhandlung nicht zwingend notwendig, andererseits wird das gleich zu Beginn aufkeimende Interesse nicht befriedigt und sorgt an manchen Stellen eher für Frustration.

Der starke Einstieg lässt vermuten, es handle sich um einen Science-Fiction-Roman; stattdessen dämmert dem Leser wesentlich später, dass dieses Setting gewählt wurde, damit die Autorin sich allein den beiden Protagonistinnen widmen kann, insbesondere der älteren Monster. Im ersten Teil begleiten wird sie auf ihrer mühseligen Wanderschaft und erfahren in zahlreichen Rückblenden viel über ihre Vergangenheit. Im Fokus stehen das angespannte Verhältnis zur Mutter, die Begeisterung für technische Erfindungen, die selbstgewählte Isolation und das Gefühl, anders zu sein als alle anderen. Diese zentralen Themen bergen eine Menge Potenzial, das von der Autorin aber nicht ausgeschöpft oder vielmehr verschenkt wird, indem sie immer wieder verschiedene Anekdoten einflicht, die im Grunde aber nur Varianten desselben Inhalts sind; die eigenen Handlungen werden von der eher eindimensionalen Protagonistin kaum reflektiert, sodass zwischen ihr und dem Leser eine Distanz bleibt. Auch ziehen die zahlreichen Wiederholungen den Roman stellenweise unnötig in die Länge.

Monster wirkt von Beginn an entschlossen, zäh und kämpferisch – Eigenschaften, die häufig männlichen Protagonisten zugeschrieben werden. Seit ihrer Kindheit entzieht sie sich gesellschaftlichen Erwartungen an Mädchen und später an Frauen. Dabei handelt es sich zwar um ein für gegenwärtige Leser*innen relevantes Thema, dennoch wünscht man sich, dass die Autorin es etwas subtiler verarbeitet hätte. Einer Frau männlich konnotierte Eigenschaften zuzuschreiben und sie später doch die gesellschaftlich erwarteten »Muttergefühle« entwickeln zu lassen, reicht nicht aus, um Mein Name ist Monster zu einem modernen feministischen Roman zu machen, als der das Buch in Großbritannien verkauft wird. Die durchaus spannenden Genderfragen, die es aufwirft (z. B. S. 119: »Manchmal frage ich mich, ob ich mich noch als Frau bezeichnen kann, obwohl ich nicht mehr blute. Dann überlege ich, ob ich mich je als Frau gesehen habe. Und dann fällt mir ein, dass es sowieso keine Frauen mehr gibt und auch keine Männer, also wieso sollte das wichtig sein?«), werden nur unzureichend beantwortet.

Der Roman liest sich flüssig und der lebendige Schreibstil der Autorin sorgt dafür, dass sich der Leser sofort in die erschaffene Welt hineinversetzen und sie in allen Details vor dem inneren Auge visualisieren kann. Szenen wie jene, in denen die Protagonistin aus Nahrungsmitteln einen »Überlebenskalender« erstellt oder sich als Kind die Haare abschneidet und sich zum ersten Mal schön findet, sind so charmant wie originell. Auch der Wechsel der Erzählstimmen hin zu der sich selbst stärker reflektierenden jüngeren Monster ist ein geschickter Schachzug, der einen anderen Blickwinkel auf die Protagonistinnen erlaubt.

Mein Name ist Monster ist dem populären Realismus zuzuordnen: Es spielt mit bekannten Topoi, ermöglicht inhaltlich wie sprachlich ein niedrigschwelliges Einfühlen und Miterleben; wie der Klappentext der Originalausgabe schon verrät, bedient sich der Roman Motiven literarischer Weltklassiker wie eben Robinson Crusoe oder auch Mary Shelleys Frankenstein, ohne auch nur ansatzweise an sie heranzureichen – was man von einem Debüt freilich kaum erwarten kann. Der Roman befriedigt das gewachsene Bedürfnis nach starken, unabhängigen Protagonistinnen und spricht mit seinem Science-Fiction-Setting auf der einen und der Thematisierung von Weiblichkeit und Mutterschaft auf der anderen Seite voraussichtlich eine breite, wenn auch überwiegend weibliche Leserschaft an.

Die englische Originalausgabe wird von Amazon in den Kategorien Gegenwartsliteratur und Coming-of-Age-Romane geführt. Die obenstehende Beurteilung wirft in der Tat die Frage auf, ob sich der Roman nicht wesentlich glaubwürdiger als Jugendbuch – wenn auch explizit geeignet für erwachsene Leser mit Interesse an Unterhaltungsliteratur – verkaufen und vermarkten lassen würde. Als solcher fallen die genannten Kritikpunkte kaum ins Gewicht. Den Ansprüchen des S. Fischer Verlages an Gegenwartsliteratur wird Mein Name ist Monster jedoch nicht gerecht. Stattdessen wird die Weiterleitung des übersetzten Manuskripts an das verlagsinterne Lektorat All Age / Jugendbuch empfohlen.