Carolin Emckes „Gegen den Hass“

Plädoyer für Humanismus und Pluralität

Carolin Emcke: Gegen den Hass, S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, 240 Seiten, 20 €

»Genaues Beobachten bedeutet Zerteilen.« Dieses Zitat von Schriftstellerin Herta Müller ist dem gesellschaftspolitischen Essay vorangestellt, für den Carolin Emcke vergangenes Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Und nichts anderes tut Emcke, wenn sie komplexe Mechanismen der Ausgrenzung in ihre Bestandteile zerlegt. Was nach hochintellektuellem Vorgehen klingt, gerät dank der Vielzahl aktueller und historischer, literarischer und realer, populärer und wenig bekannter Fallbeispiele so fesselnd wie alarmierend. Da geht es um Einheimische, die der Ankunft Geflüchteter mit Gewalt begegnen, und um den Aufstieg populistischer Parteien. Es geht um Transsexuelle, die die scheinbar natürliche Geschlechterordnung infrage stellen, und um institutionellen Rassismus.

Emcke, die Philosophie, Politik und Geschichte studiert hat und als freischaffende Publizistin weltweit aus Krisenregionen berichtete, begegnet Hass und Ausgrenzung nicht nur mit scharfem Verstand, sondern auch mit Unverständnis: Sie wirft Fragen auf, die sie nicht beantworten kann – weil sie sich aus humaner und vernünftiger Sicht nicht beantworten lassen. Doch schon das Erkennen und Benennen ausschließender Normen und Praktiken holt sie aus dem »toten Winkel« des menschlichen Bewusstseins. Emcke weiß, dass ethnisches, religiöses, sexuelles, im Grunde jedes heterogene Neben- und Miteinander Konflikte birgt, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Und warum es trotzdem Sinn macht, dafür zu kämpfen: »Solange ich diese Verschiedenheit im öffentlichen Raum sehe, so lange weiß ich auch die Freiheitsräume gewahrt, in denen ich als Individuum mit all meinen Eigenheiten, meinen Sehnsüchten, meinen möglicherweise abweichenden Überzeugungen oder Praktiken geschützt werde.«

Veröffentlicht am 1. Juni 2017 in der Straßenzeitung Trott-war.