Alleine unterwegs

„Einmal Swiss Army Man, bitte. In der Mitte.“ Irritierter Blick – „Einmal?!“ Ja, verdammt! Ich bin 23 Jahre alt und gehe alleine ins Kino. Auf Konzerte, ins Museum, auf Reisen. Und nein, ich bin kein einsames Kellerkind, kein arrogantes Arschloch und stinke nicht. Ich bin nur gerne mit mir allein. Was in einer Zeit, in der jeder möglichst individuell und unabhängig sein will, komischerweise selten gut ankommt.

1. „Das macht doch kein Mensch!“ Montags in der Uni erzählen, dass man sich das ganze Wochenende im Bett verkrochen und vier Staffeln „Gilmore Girls“ geguckt hat. Voll okay! Macht ja jeder ab und zu. Wer sein Alleinsein aber in die Öffentlichkeit verlagert, mutiert plötzlich zum freundlosen Freak.

2. „Das ist doch mega gefährlich!“ Meine Eltern haben mir erst kürzlich die Teilnahme an einem Selbstverteidigungskurs geschenkt – weil ich so oft alleine unterwegs bin. Immerhin sagen sie nicht: „Bleib doch lieber zuhause.“ Weil ich es sowieso nicht tun würde und es einer Selbsteinschränkung gleichkäme, die potenzielle Täter einfach nicht verdient haben.

3. „Ist doch voll langweilig!“ Wer das sagt, sollte sich ernsthaft Gedanken über seine Persönlichkeit machen. Also, wirklich. Das heißt natürlich nicht, dass man mit tollen Menschen keinen Spaß haben kann. Die lernt man möglicherweise aber leichter kennen, wenn man alleine unterwegs ist. Muss man aber nicht. Es gibt keinen Zwang – das ist ja das Tolle am Alleinsein.

Deshalb: Einfach mal den Kopf aus dem Arsch ziehen und etwas Neues ausprobieren. Vielleicht fühlst du dich total unwohl und willst am liebsten wieder nach Hause. Vielleicht findest du aber auch Gefallen daran und tust nie wieder etwas anderes. So oder so: Du lernst dich selbst besser kennen. Und sofern du kein reaktionärer Dummschwätzer oder intolerantes Erbsenhirn bist, kann das nur gut sein.

Dieser Beitrag ist im Oktober 2016 im Rahmen des Intensiv-Workshops „Wie schreibe ich einen guten Kommentar?“ auf den Jugendmedientagen in Dresden entstanden.