Buchmesse

Bücherflut in der Bankenhauptstadt

Alljährlich im Herbst verwandelt sich das Frankfurter Messegelände in einen überdimensionalen Treffpunkt für Buchhändler, Verleger, Autoren, Übersetzer, Illustratoren, Bücherfreunde und solche, die es werden wollen.

Philipp Winkler sieht nicht aus wie ein Schriftsteller: hochgewachsen, halbrasierter Schädel, schwarze Jeans und ein Shirt der amerikanischen Rockband Surrender Dorothy, unter dessen linkem Ärmel ein Tattoo hervorblitzt. Sein Debütroman hat es trotzdem auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Hool erzählt die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, die sich mit Gleichgesinnten verabreden, um sich gegenseitig die Fresse zu polieren. Zumindest würde Winkler es so ausdrücken. Kaum eine halbe Seite hat er vorgelesen, da werden im Publikum schon erste entsetzte Blicke gewechselt. Hool handelt aber auch von Verlust und enttäuschten Hoffnungen, von der Suche nach einer Ersatzfamilie und von Gewalt, die weit über körperliche Schmerzen hinausgeht.

Winkler, Jahrgang 1986, studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim und lebt in Leipzig. »Ich hab’ ja auch nicht die Augen zu beim Schreiben«, entgegnet er der interpretationsfreudigen Moderatorin und klingt dabei genauso authentisch schnodderig wie sein Debüt. Davon, dass er dort die eigene Geschichte verarbeitet, will Winkler aber nichts wissen. Sein feines Gespür für Menschen am Rande der Gesellschaft liegt auf der Hand, und doch wird Hool im Feuilleton kontrovers diskutiert; je weiter Gespräch und Lesung voranschreiten, desto leerer die Stuhlreihen. Das Fachpublikum scheint noch nicht bereit zu sein für einen wie Winkler.

Vielleicht liegt es aber auch am umfangreichen Angebot: beinahe 4.000 literarische Veranstaltungen finden zwischen dem 19. und 23. Oktober in der Mainmetropole statt, von Signierstunden und Diskussionsrunden über Vorträge und Workshops bis hin zu diversen Preisverleihungen. Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nahm Carolin Emcke für ihren politischen Essay Gegen den Hass entgegen; das Buch mit dem kuriosesten Titel darf sich ebenfalls über eine Auszeichnung freuen. Elf Hallen, ein zweistöckiges Forum sowie das großflächige Freigelände mit Bühne und Lesezelt bieten weit mehr, als zwei Augen fassen können – schon gar nicht an einem Tag.

Die Menge an Belletristik, Bildbänden und Biografien, Reiseführern, Ratgebern und Reportagen in allen erdenklichen Farben und Formaten kann den unvorbereiteten Besucher schnell erschlagen. Ein Thema zu finden, über das noch kein Buch geschrieben wurde, erscheint hier schlichtweg unmöglich. Und obwohl die Branche nicht unbedingt als schnelllebig gilt, machen sich laufende gesellschaftspolitische Entwicklungen und Ereignisse auch hier bemerkbar: Schriften zum Thema Flucht sprießen wie Pilze aus dem Boden, christliche Verlage legen ihren Fokus angesichts von 500 Jahren Reformation auf Luthers Lebenswerk und die Zukunft des europäischen Kontinents liefert diskussionsfreudigen Literaten eine Menge Zündstoff.

Für jeden das Passende dabei

Doch selbst der größte Lesemuffel kommt voll auf seine Kosten; kaum ein Buchverlag, der nicht auch Postkarten, Tassen, Spielzeug, Kalender und unzählige andere Geschenkartikel offeriert. Vielversprechende Neuerscheinungen wie etwa das kürzlich erschienene Theaterstück rund um Harry Potters magische Welt ziehen einen Rattenschwanz an passenden Merchandise-Artikeln nach sich. In Glasvitrinen und edlen Regalen werden antiquarische Schätze zu mitunter vierstelligen Beträgen feilgeboten, während sich eine weitere Abteilung der vergleichsweise jungen Manga- und Graphic Novel-Kultur widmet. In der sogenannten Gourmet Gallery kann zum Kochbuch nicht nur die passende Pfanne, sondern auch die eine oder andere Kostprobe ergattert werden. Wer eine kleine Auszeit braucht, kann es sich also mit Quinoa-Cup oder flämischem Bier in einem der Messecafés gemütlich machen und das kunterbunte Treiben verfolgen.

Allzu genau muss man jedoch nicht hinschauen, um zu merken, dass es bei der Buchmesse vor allem ums Geschäft geht – weit über die Landesgrenzen hinaus. Den größten Anteil deutscher Buchlizenzen erwirbt China, gefolgt von Spanien und Italien. Hiesige Verlage handeln dagegen bevorzugt mit amerikanischen und britischen Kollegen. Bei all dem kosmopolitischen Flair darf das Schwabenländle natürlich nicht fehlen. 50 Dinge, die ein richtiger Baden-Württemberger getan haben muss verzeichnet ein unterhaltsamer Leitfaden aus dem Silberburg-Verlag; Klett-Cotta, Ravensburger und Co. sind ebenfalls mit von der Partie. Im Mittelpunkt steht allerdings eine ganz andere Region: Flandern und die Niederlande präsentieren sich unter dem Motto »Dit is wat we delen« (zu Deutsch: »Dies ist, was wir teilen«) als gemeinsamer Ehrengast.

Geschäft mit langer Tradition

Die Geschichte der Buchmesse lässt sich bis in die frühe Neuzeit zurückverfolgen. Kurz nachdem Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck revolutioniert hatte, findet diese erstmals in Frankfurt statt. Bis ins späte 17. Jahrhundert gilt sie als bedeutendste europäische Ausstellung ihrer Art, doch Restriktionen und Zensur im Zuge der Reformation beeinträchtigen den Handel nachhaltig. Zahlreiche Geschäfte verlagern sich ins liberalere Sachsen, sodass die Leipziger Buchmesse zum Knotenpunkt des nationalen Handels aufsteigt. Von Deutschlands Teilung in Ost und West profitiert wiederum das hessische Äquivalent. 205 deutsche Aussteller versammeln sich 1949 in der Paulskirche und werden schon bald von einer wachsenden Anzahl internationaler Kollegen unterstützt. Mit dem Umzug auf das gigantische Messegelände verfestigt sich der Status als weltweit bedeutendster Handelsplatz für Bücher, Medien, Rechte und Lizenzen; 277.000 diesjährige Besucher sprechen für sich.

Ein wichtiger Faktor für den anhaltenden Erfolg der Buchmesse besteht in der Weiterentwicklung ihres Konzepts: Elektronische Informationsträger finden 1993 Einzug, zehn Jahre später verlagert sich der Gesamtfokus auf die richtige Vermarktung. Personalisierte Werbung und Produktplatzierungen haben im klassischen Buch zwar (noch) keinen Platz, doch die sogenannte Self Publishing-Area behandelt vom verlagsunabhängigen Publizieren bis hin zu Marketing-Strategien alles, was der Schriftsteller von morgen wissen muss. Einer, der sich mit alldem wohl nicht mehr herumschlagen muss, ist Philipp Winkler. Gelassen nimmt er den etwas halbherzigen Applaus am Ende seiner Lesung entgegen. Auch wenn es letzten Endes nicht für den Deutschen Buchpreis gereicht hat, steht er mit seinem Roman für etwas, das die Frankfurter Buchmesse neben all dem geschäftigen Treiben so besonders macht: gesellschaftliche Vielfalt und Mut zur Veränderung.

Veröffentlicht am 16. November 2016 in der Straßenzeitung Trott-war.